Haus des Dokumentarfilms und Haus der Geschichte zeigen HOLOFICTION
Das Haus des Dokumentarfilms lädt in Kooperation mit dem Haus der Geschichte anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zu einer Matinee ein. Gezeigt wird der Film HOLOFICTION (2025) von Michal Kosakowski. Der Regisseur ist für ein Werkstattgespräch zu Gast.
HOLOFICTION – Darstellung der Shoah im fiktionalen Film
In seinem experimentellen Dokumentarfilm hat Kosakowski mit Archivbildern aus mehr als 3.000 fiktionalen Filmwerken, die die Shoah thematisieren und weltweit entstanden sind, ein eigenes neues Werk montiert. Zugleich ist HOLOFICTION (102 Min.) eine eindringliche künstlerische Bestandsaufnahme von seit Jahrzehnten wiederkehrenden Motiven und szenischen Narrativen, auf die Filmschaffende zurückgriffen, wenn sie den Massenmord an Jüdinnen und Juden zum Gegenstand einer fiktionalen Erzählung machten.
Eingeschlagene Schaufensterscheiben, Menschen, die in LKW gedrängt, Waggontüren, die geschlossen werden, zurückgebliebene Koffer, Stacheldrahtzäune, Lederstiefel, Schäferhunde – das Ausmaß an fiktionalisiertem Bildmaterial über die NS-Zeit ist überwältigend. Der Holocaust und der Zweite Weltkrieg gehören zu den am häufigsten verfilmten Ereignissen der Weltgeschichte. Regisseur Kosakowski erklärt in einem Statement, dass Ausgangspunkt seiner Arbeit an diesem Film eine Aussage des französischen Journalisten und Filmemachers Claude Lanzmann war: „Fiktion ist eine Übertretung. Ich bin der Überzeugung, dass bestimmte Dinge nicht dargestellt werden dürfen.“ (Lanzmann 1993 anlässlich der Veröffentlichung von „Schindlers Liste“)
Was vermag Kunst? Was darf Fiktion?
Kann ein Darstellungsverbot legitim sein? Wir fühlen uns unweigerlich an einen Satz von Theodor W. Adorno (1949) über Kunst nach Auschwitz erinnert: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ – die wohl bekannteste kulturästhetische Aussage nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber auch Impuls für bis heute andauernde Diskurse über das, was Kunst vermag, und über die Kraft der Erinnerung gegen das Vergessen.
Aus dem Spannungsfeld zwischen Lanzmanns Forderung nach einem Darstellungsverbot und der realen Existenz unzähliger fiktionaler Holocaust-Darstellungen begann Kosakowski seine Recherche. Sie mündete in der Konzeption eines filmischen Essays, der ausschließlich aus jenen fiktionalen Bildern besteht, die – gemäß Lanzmanns Haltung – eigentlich niemals hätten entstehen dürfen. Das Prinzip der Montage: Wiederholungen, Parallelitäten, Perspektiv- und Seitenwechsel. So ist neben einer Chronologie des Holocaust auch eine Kategorisierung ikonografischer Muster entstanden. Sie macht sichtbar, wie unsere visuelle Erinnerung an historische Ereignisse konstruiert und immer wieder aufs Neue reproduziert wird. Zugleich lädt HOLOFICTION ein, über zeitgemäße Formen von Erinnerungskultur sowie die Darstellung von Politik, Geschichte und Gewalt in den Medien nachzudenken.
Premiere hatte HOLOFICTION beim Filmfest Venedig 2025. Nach der Aufführung in Stuttgart wird er als nächstes beim International Film Festival Rotterdam 2026 aufgeführt.






