Filmstill ETILAAT ROZ via DOK.fest München 2023

„Etilaat Roz“ eröffnet DOK.fest München (3.-21.5.23)

Das DOK.fest München startet am 3. Mai 2023 in seine 38. Ausgabe. Der afghanische Dokumentarfilm „Etilaat Roz“ von Abbas Rezaie eröffnet das Festival. Der Regisseur war als Journalist und Video-Reporter bei der namensgebenden Tageszeitung tätig. Er liefert mit „Etilaat Roz“ ein intensives und bewegendes Kammerspiel, das Weltpolitik und den Fall Kabuls auf kleinstem Raum widerspiegelt.

Kritischer Journalismus in Zeiten des Umbruchs

Filmstill ETILAAT ROZ via DOK.fest München 2023

Die unabhängige Tageszeitung „Etilaat Roz“ mit Sitz in Kabul ist bekannt dafür gewesen, den Finger in die Wunde zu legen. Gut zehn Jahre lang berichten Chefredakteur Zaki Daryabi und sein Team (das gleichermaßen aus männlichen und weiblichen Mitarbeitenden besteht) über Korruption, Amtsmissbrauch und Missstände im eigenen Land. Als der Nato-Einsatz abrupt endet und die US-Streitkräfte überstürzt das Land verlassen, übernimmt die radikal-islamistische Taliban die Macht und proklamiert am 19. August 2021 das Islamische Emirat Afghanistan. Diese dramatischen Zeiten des Umbruchs, die für die gesamte Bevölkerung mit großer persönlicher, gesellschaftlicher und politischer Ungewissheit einhergehen, verdichtet Abbas Rezaie auf engstem Raum und mit einfachen, aber umso eindringlicheren Mitteln. Im Zentrum stehen die Journalist:innen von „Etilaat Roz“ und, zumindest indirekt, ihre Familien.

Allgegenwärtiger Zwiespalt: Gehen oder bleiben?

Während die Welt in der Stadt und auf dem Land aus den Angeln gehoben wird, fokussiert sich Rezaie rein auf Aufnahmen innerhalb des Redaktionsgebäudes – oft nah dran an den Gesichtern seiner Kolleg:innen, mit wenig Schnitten und ohne zusätzliche Effekte und Musik. Da Rezaie zum „Inner Circle“ gehört, werden die Emotionen ungefiltert und unverstellt auf Film gebannt, während man als Hintergrundgeräusche oft Flugzeuge, Schüsse oder Explosionen hört. Der Zwiespalt, in dem sich die Medienschaffenden befinden, ist dabei allgegenwärtig.  Er manifestiert sich vor allem in der Person des Chefredakteurs, der im Verlauf des Films zunehmend besorgter und hoffnungsloser wirkt, während er in den immer leerer werdenden Büros sitzt. Soll man bleiben und weiter journalistisch arbeiten? Was wiegt mehr: Der Dienst für die Allgemeinheit oder die Sicherheit des/der Einzelnen? Wenn man fliehen will, wie stellt man es an, auf eine der Evakuierungslisten zu kommen und die erforderlichen Unterlagen zu besorgen?

Gefahr für Leib und Leben

Wie alles „Non-Konforme“ und „Unbequeme“ steht auch „Etilaat Roz“ für die Taliban buchstäblich auf der Abschussliste. Die „Gotteskrieger“ greifen Journalist:innen auf offener Straße an, sperren Bankkonten und arbeiten mit Zensur. Dies bekommt ein Einsatzteam der Zeitung schnell am eigenen Leib zu spüren. Während der Berichterstattung zu einer Demonstration werden mehrere Menschen verhaftet – darunter auch mehrere Journalist:innen. Zwei inhaftierte Reporter kommen erst Tage später frei.

Filmstill ETILAAT ROZ via DOK.fest München 2023Die Misshandlungsspuren an ihren Körpern und die Schilderungen, was ihnen angetan wurde, brennen sich ins Gedächtnis ein und sind schon als Zuschauer:in kaum auszuhalten (einige der Redaktionsmitglieder brechen in Tränen aus). Dazu kommt die Fassungslosigkeit der Betroffenen, als sie realisieren, dass sie dem Tod nur knapp entronnen sind. Vertreter der Taliban „entschuldigen“ sich zwar im Nachgang der Geschehnisse für das, was passiert ist. Das im Film nur geschilderte, aber nicht gezeigte Gespräch läuft jedoch wie zu erwarten: Das Ganze sei ein Versehen gewesen, aber nun, wo man schon mal vor Ort sei, könnte man auch gleich die Regeln für zulässigen und „guten“ Journalismus kundtun.

Deutschlandpremiere von „Etilaat Roz“ am 3. Mai 2023

Der Dokumentarfilm „Etilaat Roz“ wird als Deutschlandpremiere beim 38. DOK.fest München gezeigt und läuft in der DOK.horizonte Competition – Cinema of Urgency 2023. Mit seinen anhand der Tageszeitung exemplarisch illustrierten Schicksalen ist das erste Langformat von Abbas Rezaie ein Plädoyer für die Bedeutung unabhängigen Journalismus sowie menschlicher wie professioneller Integrität. Er hätte genauso gut in die neue sehenswerte Fokusreihe „Power of Media?“ gepasst, die die Macht (und Ohnmacht) der klassischen und sozialen Medien hinterfragt.

Wo man die Filme des DOK.fest sehen kann

Insgesamt werden 130 Filme vom 3. bis 14. Mai 2023 in Münchner Kinos laufen – und fast alle zudem vom 8. bis 21. Mai 2023 zuhause auf der digitalen Leinwand. „Das DOK.fest München setzt die Entwicklung der vergangenen Jahre fort und ermöglicht einem bundesweiten Publikum den Zugang zu internationalen Filmen, die ansonsten in Deutschland nicht zu sehen wären“, so die Veranstalter.

In der internationalen Wettbewerbsreihe des 38. DOK.fest München konkurrieren 2023 zwölf Filme um den mit 10.000 € dotierten VIKTOR DOK.international. Der Preis wird vom Bayerischen Rundfunk gestiftet und neben weiteren Auszeichnungen am 13. Mai 2023 um 20 Uhr im Deutschen Theater München verliehen. Alle Filme der Reihe DOK.international Competition feiern Deutschlandpremiere, vier davon Weltpremiere. Den mit 7.500 € dotierten VIKTOR DOK.deutsch stiftet erstmals SKY. Die Reihe gilt als eines der Herzstücke des Festivals und präsentiert zwölf Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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Elisa Reznicek leitet die Online-Redaktion beim Haus des Dokumentarfilms und ist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Hauses zuständig.
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