20 TAGE IN MARIUPOL für den Oscar nominiert

Der bewegende, bereits vielfach ausgezeichnete 20 TAGE IN MARIUPOL ist im Rennen um einen Academy Award bei den Oscars 2024. Wie die Academy am 23. Januar verkündete, ist die ukrainische Einreichung in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm/Best Documentary Feature Film“ nominiert. Die Preisverleihung findet am 10. März in Los Angeles statt.

Der renommierte Autor und Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen stellt den Dokumentarfilm 20 TAGE IN MARIUPOL in seinem Gastbeitrag vor:

Verschüchtert hebt der Junge seinen Kopf und schaut in die Kamera. Einen Anorak wie eine Schutzweste eng um den Körper gezogen, eine Wollmütze tief in die Stirn gedrückt, kauert er in einem Keller. „Wovor hast du Angst?“, fragt eine Reporterstimme aus dem Off. „Ich will nicht sterben“, antwortet still das Kind. Senkt den Kopf, versinkt in sich. „Der Krieg hat begonnen.“ Schwere Tränen nässen sein Gesicht. Die Kamera verlässt ihn. Wieder ist er allein. Allein als einer unter vielen Menschen. Eine Momentaufnahme aus der ukrainischen Stadt Mariupol.

Es ist der 24. Februar 2022. Ein Blick durch ein Fenster aus einem der oberen Stockwerke eines Wohnhauses. Auf der Straße rollt ein Panzer. „Z“ – das russische Zeichen für Krieg. Irgendein Tier verkriecht sich unter einem quergestellten Bus. Das Geschützrohr richtet sich gegen die Beobachter. Sie flüchten, die Kamera im Arm, auf der Schulter. Sie erfasst, was ins Bild kommt, manches zufällig, manches gewollt. Sie zeichnet auf. Schonungslos.

Erst kurz vor diesem russischen Angriff waren die Reporter der Associated Press in die umkämpfte Stadt gekommen: der Filmmacher Mstyslav Chernov, sein Fotograf Evgeniy Maloletka und die Produzentin Vasilisa Stepanenko. Jetzt gehören sie mit zu den Eingeschlossenen. Willens- und überlebensstark dokumentieren sie die Vernichtungslust der russischen Angreifer, lassen nichts aus, beschönigen nicht, doch bleiben ihre schwer auszuhaltenden Bilder vom besinnungslosen Morden voller Scham, voll mitfühlender Menschlichkeit.

Für diesen Film gilt ein Satz Bertolt Brechts: „Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden. Er muss den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt wird; die Klugheit sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verhüllt wird; die Kunst, sie handbarer zu machen als eine Waffe; das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird; die List, sie unter diesen zu verbreiten …“

20 TAGE IN MARIUPOL ist eine Produktion von PBS Frontline und Associated Press in Zusammenarbeit mit dem SWR. Am 23. Januar 2024 wurde der Film in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ für einen Oscar nominiert.

TV-Ausstrahlung

20 TAGE IN MARIUPOL wird am 19. Februar 2024 um 22:50 Uhr im Ersten gezeigt und ist schon ab dem 12. Februar in der ARD Mediathek abrufbar. 

Case Study im DOKVILLE Programm 

Bei DOKVILLE stellen wir den erschütternden wie packenden Dokumentarfilm des Pulitzer-Preisträgers Mstyslav Chernov ausführlich in einer Case Study vor. Der große jährliche Branchentreff vom Haus des Dokumentarfilms findet am 20. und 21. Juni 2023 zum Thema KRIEG UND DES:INFORMATION im Hospitalhof Stuttgart (+ Livestream) statt. Der VVK läuft: dokville.de/tickets

Alle Infos auch in der DOKapp für iOS und Android Geräte.

image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Picture of Gastbeitrag
Beiträge profilierter Gastautor:innen für dokumentarfilm.info und das Haus des Dokumentarfilms.
Facebook
Twitter