Hofer Filmtage 2023: Stefan Paul fürs Lebenswerk ausgezeichnet (Foto: Andreas Rau/Hofer Filmtage)

Für die Liebe zum Kino: Stefan Paul erhält Auszeichnung in Hof

Mit Stefan Paul wurde am 26. Oktober 2023 ein passionierter Dokumentarfilmer und Cineast mit dem Preis der Stadt Hof für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Der Inhaber des ältesten Arthaus Verleihs Deutschlands ist den Filmtagen seit Jahrzehnten tief verbunden. Mit ihrem Filmpreis ehrt die Stadt renommierte Persönlichkeiten der Filmbranche. Im vergangenen Jahr wurde die Regisseurin Aelrun Goette ausgezeichnet. In den Vorjahren zählten u. a. Rosa von Praunheim, Caroline Link und Dominik Graf zu den Preisträger:innen.

Stefan Paul und die Hofer Filmtage

Stefan Paul stellte bei den Hofer Filmtagen u. a. seine Dokumentarfilme „Hotel Deutschland“ (1991) und „Hotel Deutschland 2“ (2011) vor. „Ich habe dem Heinz Badewitz immer wilde Filme geliefert“, zitiert ihn die Frankenpost. Heinz Badewitz gründete 1967 das renommierte Festival und war lange dessen Leiter. Paul sah die Hofer Filmtage aber auch als wichtige Plattform für Filmankäufe seines Arsenal Verleihs.

Stefan Paul als Teil der Allstars-Fußballmannschaft (Foto: Andreas Rau/Hofer Filmtage)

Seit 1969 ist Stefan Paul jährlich vor Ort und war daher lange festes Mitglied des traditionsreichen Cineasten-Fußballteams. Dieses tritt während des Festivals gegen den regionalen Fußball-Club an. Gemeinsam mit Werner Herzog bildete er viele Jahre ein Sturm-Duo.

Passionierter Cineast

Paul wird 1948 in Leipzig geboren und zieht 1952 mit seine Familie nach Stuttgart. Er macht dort sein Abitur und studiert später an der Universität Tübingen Germanistik und Amerikanistik. Seine große Leidenschaft gilt schon damals dem Film. Immer wieder organisiert er Filmabende vor großem Publikum, u. a. in der Kunsthalle Tübingen. Als freier Mitarbeiter realisiert er Fernsehbeiträge für den SDR.

Gründung des Arsenal Filmverleih

In den 1970er und 80er Jahren ist es für Programmkinos und freie Kulturveranstalter schwer, an Kinofilme zu gelangen, da Verleihfirmen meist Exklusivverträge mit großen Kinobetreibern abschließen. Die Arthaus-Szene gründet eigene Alternativ-Verleihe. Paul ist von Anfang an mit dabei und ruft „Melody and Art Film“ ins Leben, aus dem später der Arsenal Verleih hervorgeht. Die entscheidende Unterstützung kommt von seiner Mutter. Sie stellt ihm einen fünfstelligen DM-Betrag zur Verfügung, das ist das Startkapital. Damit kauft Paul die Rechte der Satire-Komödie „Themroc“ (1973) mit Michel Piccoli.

Die Laudatio auf Stefan Paul hielt Schauspieler Stefan von Moers (Foto: Andreas Rau/Hofer Filmtage)
Die Laudatio hielt Schauspieler und Medienanwalt Stefan von Moers (Foto: Andreas Rau/Hofer Filmtage)
Stefan Paul bei der Dankesrede für die Preisverleihung (Foto: Melina Seitz/Hofer Filmtage)
Stefan Paul wurde von der Stadt Hof mit dem Preis fürs Lebenswerk ausgezeichnet (Foto: Melina Seitz/Hofer Filmtage)

In den Folgejahren legt der Betrieb einen Schwerpunkt auf den Ankauf von Musik-Dokumentationen. Ein weiteres Standbein werden schrille amerikanische Independent-Filme wie die Frühwerke von John Waters. Seinen größten Erfolg erzielt Paul 1983 mit dem Krimi „Diva“ von Jean-Jacques Beineix, der über ein Jahr in den deutschen Kinos zu sehen ist und mehr als einer Million Zuschauende begeistert. Später folgen wichtige Arthouse-Produktionen wie „Kitchen Stories“ (2004, Regie: Bent Hamer), „Die Frau des Leuchtturmwärters“ (2005, Regie: Philippe Lioret ), „Darwin’s Nightmare“ (2005, Regie: Hubert Sauper) und „Dialog mit meinem Gärtner“ (2007, Regie: Jean Becker).

Mit Stefan Paul wurde ein passionierter Cineast in Hof ausgezeichnet (Foto: Andreas Rau/Hofer Filmtage)Vom Filmverleih in den Regiestuhl

Paul führt auch immer wieder selbst Regie und nimmt seine Eigenproduktionen in das Verleihprogramm auf. Seine erster Film ist die Musik-Dokumentation „Reggae Sunsplash“ (1980) mit Bob Marley, der auf dem gleichnamigen Reggae-Festival aufgenommen wurde. Einen großen Bekanntheitsgrad erreichen die darauf folgende Rio-Reiser-Trilogie „Rio Reiser – König von Deutschland“ (2004), „Jan Plewka singt Rio Reiser“ (2006) und „Lass uns’n Wunder sein – Auf der Suche nach Rio Reiser“ (2008) sowie der Konzertfilm „Mercedes Sosa – Sera posible el sur“ (1985/2008).

Einsatz für Programmkinos

Neben seiner Regie- und Verleihtätigkeit ist Paul darum bemüht, Kinos zu finden, in denen er seine Filme aufführen kann. 1974 eröffnet er deshalb das Kino Arsenal, 1979 kauft er das Stuttgarter Kino Lupe dazu, 1984 das Kino Atelier. Es folgen weitere Spielstätten in Sindelfingen und Rottenburg. Später zieht es ihn zurück in seine Geburtsstadt Leipzig, wo er gemeinsam mit dem Weltkino Verleih die Passage Kinos wiederbelebt. Auch wenn viele dieser Kinos heute nicht mehr in seiner Hand sind oder die Gebäude längst abgerissen wurden (u. a. Kino Lupe in Stuttgart), leistete Paul mit seinen Ankäufen einen wichtigen Beitrag zum Erhalt vieler Spielstätten, die sonst nicht mehr bestehen würden.

Heute ist er noch Inhaber des Kino Atelier und des Arsenal Kino in Tübingen. Letzteres wird zum Jahresende schließen und auf Grund eines Mieterwechsels den Räumen einer Arztpraxis weichen müssen. Am 1. Januar 2024 wird mit „The Last Picture Show“ von Peter Bogdanovich der letzte Film über die Leinwand flimmern. Um der legendären Spielstätte, dem ältesten Programmkino Baden-Württembergs, ein Denkmal zu setzen, wird das Kino Blaue Brücke in Tübingen ab 2024 unter dem Label „Arsenal Kino“ weiter Filmprogramme zeigen.

Freut sich über den Preis fürs Lebenswerk: Stefan Paul (Foto: Andreas Rau/Hofer Filmtage)
S. Paul mit der Hofer Oberbürgermeisterin Eva Döhla (Foto: Andreas Rau/Hofer Filmtage)
Viel Applaus bei der Verleihung des Filmpreises der Stadt Hof (Foto: Andreas Rau/Hofer Filmtage)
Verleihung des Filmpreises der Stadt Hof (Foto: Andreas Rau/Hofer Filmtage)

Logo Arsenal Filmverleih

Liebe zum Kino mit viel Risikobereitschaft

Während es der hiesigen Kino- und Filmlandschaft zunehmend an Mut und Risikobereitschaft fehlt, wurde mit Stefan Paul in Hof eine Persönlichkeit geehrt, die sich immer mit großem Durchhaltevermögen und Wagemut für den Kinofilm einsetzte. Die Auszeichnung für sein Lebenswerk sollte deshalb auch ein Appell an die Branche sein, vermehrt für den Erhalt hochwertiger Filme und Kulturstätten einzustehen.

image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Picture of Christine Schäfer
Christine Schäfer arbeitet seit Mai 2023 im Haus des Dokumentarfilms. Sie verfasst Artikel für dokumentarfilm.info und unterstützt Veranstaltungen wie die DOK Premiere. Außerdem kuratiert sie Filmprogramme sowie Online-Gesprächsformate.
Facebook
Twitter