Geschichtsdoku-Tipps für den Monat September 2023

Im September widmen sich zwei historische Dokumentationen dem Putsch in Chile vor 50 Jahren. Darüber hinaus finden sich in den Geschichtsdoku-Tipps ein Film über das Justizsystem der Nationalsozialisten und einer über die an Frauen verübte sexuelle Gewalt am Ende des Zweiten Weltkriegs.

„Kinder des Exils – Flucht vor Pinochet“

Bis zum 11. September 1973 wird Chile vom Sozialisten Salvador Allende regiert. Das ändert sich durch einen blutigen Putsch, angeführt von Armeegeneral Augusto Pinochet. Tausende von Menschen werden verhaftet, gefoltert oder ermordet. Zum fünfzigsten Jahrestag des Militärputschs widmen sich zwei Dokus diesem einschneidenden Ereignis in der Geschichte des Südamerikanischen Staates.

Thomas Grimms historische Dokumentation „Kinder des Exils – Flucht vor Pinochet“ rückt die Kinder in den Fokus, die damals mit ihren Eltern vor der Terrorherrschaft Pinochets geflüchtet sind. Intime Portraits beleuchten das Leben im Exil und gehen Fragen von Integration und Erinnerung nach. Und sie berichten von den Motiven hinter der Flucht bzw. – in einigen wenigen Fällen – der Rückkehr. Themen also, die auch für heutige Migrationsbewegungen relevant sind.

  • Sendetermin: Montag, 11.09.2023, um 23:50 Uhr in der ARD (Erstausstrahlung) und vom 11.09.2023 bis zum 13.09.2024 in der ARD-Mediathek.
  • Credits: „Kinder des Exils – Flucht vor Pinochet“, eine Dokumentation von Thomas Grimm. Eine Produktion des rbb.

„Chile: Träume, Terror, Neuanfang“

Einen Tag später, am 12.09.2023, erfolgt auf Arte der Perspektivwechsel: von der Außensicht hin zur Innenansicht der Ereignisse in Chile. Der Putsch war nicht etwa eine Kurzschlussreaktion der Militärs, sondern eine von langer Hand geplante und von der US-Regierung unterstütze Aktion. Paul Le Grouyers historische Dokumentation zeigt aber nicht nur, wie es zum Putsch kam, sondern auch, wie sich das Land danach entwickelt hat – bis heute.

Mit Archivaufnahmen, einem einordnenden Off-Kommentar und zahlreichen Interviews mit Expert:innen, schafft es der Film, ein umfangreiches Bild der chilenischen Geschichte zu zeichnen. Für eine noch tiefere Innensicht hat Arte zudem den ersten Teil des dreiteiligen Dokumentarfilms „Kampf um Chile“ (Regie: Patricio Guzmán, 1975-1979) ins Programm genommen (Nacht vom Dienstag auf Mittwoch, 13.09.2023, um 00:20 Uhr). Die anderen beiden Teile werden leider nicht gezeigt, sind aber in der Reihe „Bibliothek des Widerstands” des Laika Verlags verfügbar.

  • Sendetermin: Dienstag, 12.09.2023, um 21:45 Uhr auf Arte (Erstausstrahlung) und vom 05.09.2023 bis zum 10.12.2023 in der Arte-Mediathek.
  • Credits: „Chile: Träume, Terror, Neuanfang“, eine Dokumentation von Paul Le Grouyer. Eine Koproduktion von ZED und Arte France.

„Die NS-Justiz: Recht des Unrechts“

Um ein voll funktionsfähiges Terrorregime aufbauen zu können, haben die Nationalsozialisten während ihrer 12-jährigen Herrschaft konsequent das Rechtssystem umgebaut. Die Ausbildung der Juristen wurde auf die Volksgemeinschaft hin ausgerichtet, die liberalen Gesetze durch Blut- und Rassegesetze ersetzt. Im Grunde eine Vorbereitung des Holocaust.

Diese Umformung der Justiz wird im historischen Dokumentarfilm „Die NS-Justiz: Recht des Unrechts“ anhand von vier beispielhaften Biographien äußerst lebendig nacherzählt. Historiker:innen und Rechtsexpert:innen ordnen die Entwicklungen entsprechend ein, während ausgewählte Archivaufnahmen die Schauprozesse und Ausbildungslager zeigen. So entsteht ein aufschlussreiches Portrait eines sonst wenig beachteten Aspekts der NS-Diktatur.

  • Sendetermin: Dienstag, 20.09.2023, 20:15 Uhr auf Arte (Erstausstrahlung) und vom 04.08.2023 bis 21.06.2026 in der Arte-Mediathek.
  • Credits: „Die NS-Justiz: Recht des Unrechts“, ein Dokumentarfilm von Jean-Marie Barrere und Marie-Pierre Camus. Eine Koproduktion von ZED und Arte France.

„1945 – Frauen als Kriegsbeute“

Henrike Sandners historische Dokumentation „1945 – Frauen als Kriegsbeute“ widmet sich einem oft verschwiegenen Aspekt der Nachkriegszeit. Während des Vormarschs der Alliierten und während der Besatzung werden hunderttausende Frauen und Mädchen von Soldaten vergewaltigt. Nachdem die deutsche Wehrmacht sechs Jahre lang in Europa gewütet hat, gilt dieser massenhafte Missbrauch als ein probates Mittel der Rache mit dem Ziel, die Moral des Feindes zu zerstören.

Mit Hilfe von Archivaufnahmen, einem Off-Kommentar und Interviews erzählt der Film ausgewählte Schicksale und rückt auch den Mythos von der grausamen Roten Armee zurecht. Denn alle einrückenden Armeen verübten diese grausamen Handlungen, die das Leben ihrer Opfer und deren Nachkommen für immer zeichnen sollten. Das wird besonders eindringlich vermittelt in Interviews mit den so gezeugten Kindern und mit Leonie Biallas, die mit 14 von Soldaten vergewaltigt worden ist.

  • Sendetermin: Montag, 25.09.2023, 23:35 Uhr in der ARD (Erstausstrahlung) und vom 25.09.2023 bis zum 24.12.2023 in der ARD-Mediathek.
  • Credits: „1945 – Frauen als Kriegsbeute“, eine Dokumentation von Henrike Sandner. Eine Produktion von Tangram International im Auftrag von MDR, Radio Bremen und WDR.
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Daniel Artur Schindler
Daniel Artur Schindler ist Kurator der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg im Haus des Dokumentarfilms. In der Online-Redaktion ist er verantwortlich für die monatlichen Geschichtsdoku-Tipps.
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