7 Winter: Reyhaneh im Gerichtssaal (Credit: Made in Germany)

Mehrfach preisgekrönt: „Sieben Winter in Teheran“

Zum Abschluss der Berlinale 2023 erhielt Steffi Niederzolls Dokumentarfilm „Sieben Winter in Teheran“ den Preis als bester Film in der Sektion Perspektive Deutsches Kino und den Friedenspreis der Heinrich-Böll-Stiftung.

Filmstill Sieben Winter in TeheranIn „Sieben Winter in Teheran“ erzählt die Regisseurin die tragische Geschichte der 19-jährigen Iranerin Reyhaneh Jabbari, die zum Tode verurteilt wird, weil sie sich gegen ihren Vergewaltiger zur Wehr gesetzt hat. Das Dokumentarfilm-Debüt hatte beim 73. Filmfestival die Perspektive Deutsches Kino eröffnet und war außerdem für den Berlinale Dokumentarfilmpreis und den Amnesty International Filmpreis nominiert.

In der Jurybegründung zum Friedenspreis heißt es: „Der Film kritisiert sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Iran, das ‚Recht auf Blutrache‘ und die juristische Willkür. Er platziert sich jenseits des Begreifbaren und setzt die Erinnerung gegen das Vergessen. Mit Reyhanehs Briefen und Tagebüchern, die durch den Film leiten, gibt ‚Sieben Winter in Teheran‘ ihrer Stimme eine bleibende Plattform. Dem Film gelingt es, durch die geschickte Montage von authentischem Material eine Nähe zur Figur zu schaffen und den Bogen zu aktuellen Protestbewegungen zu schlagen – nicht nur im Iran.“

Handyvideos, Briefe, Telefonate und Architekturmodelle

In „Sieben Winter in Teheran“ nimmt Steffi Niederzoll die Zuschauer:innen mit auf eine Reise in ein politisches System, in dem Frauen rechtlos sind. Es tritt mit perfider Brutalität einer 19-Jährigen entgegen, weil sie es gewagt hat, sich gegen die Übergriffe eines Mannes zu wehren.

Die Regisseurin greift auf unterschiedliches Footage zurück. Da sind zum einen die Handyvideos der Familie, die ihren Alltag dokumentieren: Kinder albern mit ihren Eltern herum, Teenager feiern, spielen mit dem Hund, schmusen mit dem Vater. Sie zeigen eine unbeschwerte Familie, deren Töchter unverschleiert und selbstbewusst aufwachsen. Zu den Bildern spricht die iranische Schauspielerin Zar Amir Ebrahimi Auszüge aus Reyhanehs Briefen aus der Haft. Reyhaneh spricht darin über die schmerzhafte Trennung von der Familie, über die Verhöre und Misshandlungen im Gefängnis und dass sie einen Albtraum lebt, aus dem sie nicht erwachen wird. Es sind sehr persönliche, reflektierte Texte, die nach Ende des Films lange bleiben.

Alltagsszenen in den Straßen von Teheran, aber auch heimlich gefilmte Aufnahmen von dem Polizeigebäude, in das Reyhaneh nach ihrer Verhaftung gebracht wurde, vom berüchtigten Evin-Gefängnis oder einer Polizeikontrolle entlang der Straße verwebt Steffi Niederzoll mit Aufnahmen von Architekturmodellen. Nachgebaut wurde die Wohnung, in der die Tat geschah, die Gefängniszellen und der Gerichtssaal. Alles Orte, zu denen das Filmteam keinen Zugang hatte. Immer wieder fährt die Kamera durch die Zellen mit Stockbetten, dicht an dicht. Es ist ein kalter, weißer Ort. Schuhe auf kleinen Regalen weisen darauf hin, dass hier viele Frauen auf engem Raum ihr Leben teilen. Begleitet werden die Aufnahmen von den Worten Reyhanehs, von aufgenommenen Telefonaten und Interviews, in denen ihre Eltern, Schwestern, ein Anwalt und Mitgefangene rückblickend erzählen.

Filmstill Sieben Winter in Teheran

Erwachsen werden in Gefangenschaft

„Nur neunzehn Jahre hat sie bei mir gelebt“, sagt Shole Pakravan, Reyhanehs Mutter. „Aber erwachsen wurde sie im Gefängnis“. Aus der eingeschüchterten 19-Jährigen wird eine erwachsene, Verantwortung übernehmende, aber oft auch verzweifelte junge Frau. Reyhaneh entdeckt, dass die inhaftierten Frauen in Gemeinschaft und Solidarität miteinander leben, dass sie Opfer eines Regimes sind, in dem Frauen und Mädchen als Prostituierte verurteilt werden, während die Männer, die sie vergewaltigten, unbehelligt bleiben. Auch Reyhanehs Eltern werden zu couragierten Regimekritikern. Ihre Mutter engagiert sich gegen die Todesstrafe. Mittlerweile haben sie, ihre Töchter und eine ehemalige, mit Reyhaneh inhaftierte, junge Frau den Iran verlassen und leben in Deutschland. Der Vater hat bisher keinen Pass für die Ausreise erhalten.

Durch die Unmittelbarkeit des genutzten Materials – wackelige Handyclips, versteckt gedrehte und private Aufnahmen der Familie – entsteht ein Sog. Obwohl der Ausgang der Geschichte bekannt ist, fiebern die Zuschauer:innen mit und hoffen, wie Reyhanehs Familie, bis zuletzt auf ein Wunder.

Dokumentarisch verantwortungsvoll arbeiten

Berlinale 2023 Sieben Winter in Teheran Gespräch mit RegisseurinDokumentarisch arbeiten heißt auch Verantwortung gegenüber den Protagonist:innen zu übernehmen, sie in einem totalitären Regime nicht unnötigen Gefahren auszusetzen. Es heißt, mit schwer traumatisierten Menschen Gespräche zu führen. Es heißt, das Gefilmte, Gehörte, Erlebte so zu montieren, dass es die Geschichte bestmöglich erzählt. Zweieinhalb Jahre lang haben Steffi Niederzoll und ihre Editorin Nicole Kortlüke an dem Film geschnitten. Unterstützt wurden sie in diesem Prozess von der Produzentin Melanie Andernach sowie der WDR/Arte-Redakteurin Jutta Krug und entstanden ist ein ausgereifter Dokumentarfilm. Einer der besten auf der Berlinale 2023.

Bei der Weltpremiere von „Sieben Winter in Teheran“ waren Reyhanehs Mutter und Schwestern anwesend. Im Publikum saßen viele Iraner:innen, die sichtlich bewegt der Geschichte folgten. Der Film wurde mit Standing Ovations beklatscht, es flossen viele Tränen und Shole Pakravan kam erst nach dem Abspann ins Kino. Ihr fehle der Mut, sich den Film anzusehen, sagt sie.

 

WOMAN LIFE FREEDOM: Iranische Frauen wie Reyhanehs Mutter Shole Pakravan kämpfen um Gerechtigkeit © Astrid Beyer/HDF
Das Team: Regisseurin Steffi Niederzoll, links hinter S. Pakravan, rechts von Pakravan Produzentin Melanie Andernach. Zweite von rechts: WDR-Redakteurin Jutta Krug © Ulrike Becker/HDF

„Sieben Winter in Teheran“ ist eine Produktion von Palladiumfilm und Made in Germany Filmproduktion, Köln, in Koproduktion mit TS Productions und Goria Film, beide Paris, und dem WDR (Redaktion Jutta Krug). Gesendet wird der Film voraussichtlich erst 2024.

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Kompass-Perspektive-Preis

Der Kompass-Perspektive-Preis wird für den besten Film in der Sektion Perspektive Deutsches Kino an in Deutschland produzierte Debüt- und Zweitfilme mit universalen, internationalen Geschichten vergeben. Er ist mit 5.000 Euro dotiert. Als Trophäe wird ein Kompass überreicht, der symbolisch Orientierung geben soll.


Friedensfilmpreis

Der Friedensfilmpreis ist mit 5.000 Euro und einer Plastik des Künstlers Otmar Alt dotiert. Er ist eine Kooperation der Heinrich-Böll-Stiftung mit der Friedensinitiative Zehlendorf e.V., dem Weltfriedensdienst e.V. und der Berlinale. Diese Auszeichnung erhalten Filme, die durch ihren humanistischen, sozialpolitischen sowie friedensfördernden Hintergrund bestechen. 

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Astrid Beyer
Astrid Beyer kuratiert seit mehr als zehn Jahren den Branchentreff DOKVILLE für das Haus des Dokumentarfilms und setzt Veranstaltungen wie die Meisterklassen sowie Online-Gesprächsformate um.
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