A A A
www.dokumentarfilm.info

Von Caligari zu Hitler: Lernen aus Weimar

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Doku-NewsDokumentarfilme zur Filmgeschichte haben es nicht leicht ein Publikum zu finden, obwohl sich ja eigentlich viele Kinofreunde dafür interessieren müssten. Im Moment tourt Rüdiger Suchsland mit seinem Dokumentarfilm »Von Caligari zu Hitler. Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen« durch die Republik. Die DOK Premiere in Ludwigsburg gehörte zu den am besten besuchten Terminen diese Tournee. Es waren vor allem viele Experten aus dem Film- und Kulturbereich aus der ganzen Region gekommen, um mit Suchsland über seinen essayistischen Dokumentarfilm zum Weimarer Kino zu diskutieren.

Bildhinweis: Szene aus »Von Caligari zu Hitler« © Still aus »Menschen am Sonntag«, Copyright: Präsens Film Zürich

Szene aus »Von Caligari zu Hitler« © Still aus »Menschen am Sonntag«, Copyright: Präsens Film Zürich

Für sein Projekt hat Suchsland zahlreiche Spiel- und Dokumentarfilme aus der Epoche zwischen den beiden Weltkriegen gesichtet. Auf Vieles musste er aber verzichten, denn der erste Rohschnitt hatte bereits eine Länge von über drei Stunden. Am meisten überrascht haben ihn eher unbekanntere Filme und Regisseure, die er für sich neu entdeckt hat. Natürlich kommt er an den großen Klassikern und bekannten Filmemachern nicht vorbei, aber eine Qualität seines Films ist sicherlich, dass es ihm auch darum geht, die pulsierende Atmosphäre und Dynamik der Zeit widerzuspiegeln. Im Zentrum geht es um die Metropole Berlin mit seinem Nachtleben und Euphorie eines technischen Fortschritts.


Kinotipp: Von Caligari zu Hitler
 

Die erste Idee kam Suchsland vor einigen Jahren, als er merkte, dass es kaum einen Film über diesen spannenden Abschnitt der deutschen Filmgeschichte gibt, die deshalb im Ausland kaum bekannt ist. Nachdem die Murnau-Stiftung als Partner in das Projekt einstieg, war damit die Klärung der Rechte ein lösbares und finanzierbares Problem. Es gab zwar Vorüberlegungen, doch die Struktur des Films entwickelte sich erst im Schnitt zusammen mit der bekannten Cutterin Katja Dringenberg, die einige Ideen für die Montage und Struktur beisteuerte. In der Diskussion erläuterte Rüdiger Suchsland seine Auswahl der Experten, die er interviewt hat. Zum einen sollten sie einen internationalen Ruf haben wie Thomas Elsaesser, Elisabeth Bronfen oder Eric D. Weitz und sich mit Weimar auskennen. Wichtig waren ihm Experten aus verschiedenen Bereichen, die auch einen etwas anderen Blick auf die Filme haben sollten. So kontrastiert er den Altmeister Volker Schlöndorff mit dem jungen Regisseur Fatih Akin, den vor allem die Arbeiterfilme und die Lichtsetzung begeisterten.

»Diese Produkte der Zerstreuungsfabriken sind keine einzelnen Mädchen mehr, sondern unauflösliche Mädchenkomplexe, Ornamente aus Tausenden von Körpern. Die Struktur des Massenornaments spiegelt die gegenwärtige Situation. Gleich dem Stadionmuster steht die Organisation über den Massen, eine monströse Figur ... Das Massenornament ist der ästhetische Reflex der von dem herrschenden Wirtschaftssystem erstrebten Rationalität."«
Siegfried Kracauer, »Das Ornament der Masse«; 1927

Ein wichtiger Aspekt der ausführlichen Diskussion war zum einen die These von Siegfried Kracauer, die er 1947 im gleichnamigen Buch veröffentlicht hatte, dass im Kino der Weimarer Republik die Ästhetik und viele Motive der Nationalsozialisten schon angelegt waren, wie die Massenszenen oder der starke Herrscher. Es kann natürlich ebenso gefragt werden, inwieweit die Nationalsozialisten geschickt diese Strömungen aufgegriffen haben, um akzeptiert zu werden. Es stellte sich auch die Frage, ob unsere heutige Situation mit der in der Weimarer Republik zu vergleichen sei. Suchsland gab dazu viele Denkanstöße und führte historisch philosophisch fundierte Argumente ins Feld.

Am Ende des Films informiert Rüdiger Suchsland in kurzen biografischen Angaben über viele Regisseure und Schauspielerinnen des Weimarer Kinos, die ab Ende der 1920er emigrierten. Die meisten von Ihnen starben im Ausland. Dies macht deutlich, welche intellektuellen Verluste die Filmbranche durch die politischen Umbrüche zu verkraften hatte und sich davon lange nicht erholt hat.

(Kay Hoffmann)

Bildhinweis: Rüdiger Suchslang mit Kay Hoffmann bei der DOK Premiere in Ludwigsburg © Foto: Film & Medien Sabine Willmann

Bildhinweis: Rüdiger Suchslang mit Kay Hoffmann bei der DOK Premiere in Ludwigsburg © Foto: Film & Medien Sabine Willmann

wieder nach oben

FVAVANTGRD0708 1.5 RGSTRD
© 2017 www.dokumentarfilm.info | Haus des Dokumentarfilms, Teckstr. 62, 70190 Stuttgart | redaktion@dokumentarfilm.info

Logo Haus des Dokumentarfilms



24. April 2017

Doksite.de - das neue Webportal für den Dokumentarfilm