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Meisterklasse: Fred Breinersdorfers Recherchetipps

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Doku-NewsLange bevor eine Geschichte zum Film wird, hat Fred Breinersdorfer in der Regel seine Arbeit getan. Doch beendet sind seine Projekte dann noch lange nicht. Sie sind dann vielleicht verfilmt worden, oder sie wurden gedruckt. Aber die Projekte leben weiter. Manchmal holt er gar nach Jahren eines aus der Schublade - weil die Zeit dafür gekommen ist, um es nun zu realisieren. Spannende Einblicke sind das, die der vielseitige und viel beschäftigte Drehbuchautor und Filmproduzent bei seiner Meisterklasse im Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart gab. »Historisches Recherche« war als Thema vorgegeben. Der früher als Anwalt tätige und heute als freier Autor in Berlin lebende Schwabe stellte einige seiner wichtigsten Buch- und Filmprojekte vor - darunter seinen für einen Oscar nominierten Film »Sophie Scholl - Die letzten Tage« und den Dokumentarfilm »Andula«. Exklusiv zeigte Breinersdorfer auch eine lange Sequenz aus seinem in Kürze in den Kinos startenden Film »Elser«. 

Fred Breinersdorfer im Haus des Dokumentarfilms

Von der ersten Minute an zeigte sich Fred Breinersdorfer bei seiner Meisterklasse als ein Meister der Geschichten. Welches Stichwort man ihm auch anbot - er griff zu und begann zu erzählen. Zum Beispiel den Hintergrund von »Berlin classified«. Dieses Buch hatte Breinersdorfer auf einer eBook-Plattform veröffentlicht. Es ist ein hoch spannender Stoff, der sich faktenreich mit der Ermordung des damaligen Ministerpräsident Uwe Barschel in einem Genfer Hotel beschäftigt. »Das Buch war 630 Seiten stark, ein echter Pageturner«, meint Breinersdorfer, aber: »es war ein totaler Flop.«

An dem Thema wird es nicht gelegen haben, denn in wenigen Minuten skizziert Breinersdorfer den Hintergrund des Buches: spekulativ würden das viele nennen, aber Breinersdorfer hatte Einblick in die Ermittlungsakten und fand dort Hinweise, die den angeblichen Selbstmord in der Badewanne ganz anders erscheinen lassen. Wo enden die Fakten, wo beginnt die Fantasie? Die Frage aus dem Publikum - drei Dutzend Medienschaffende und Studierende - führt Breinersdorfer umgehend zu weiteren Erzählsträngen. Er beschreibt die »Pararealität«, die neben der Realität liege. Diese eher literarisch als naturwissenschaftlich zu begreifende Ebene mache Geschichten spannend. Und vielleicht auch ein bisschen wahr. Wie kann man überhaupt Realität von Erfundenem trennen? Das sei schwer, denn der Weg verlaufe nicht immer der Reihe nach: »Man kommt manchmal von der Recherche zur Geschichte«, sagt der Autor. Wenn also die üblichen Abläufe einer Idee auf den Kopf gestellt werden, dann kann es einem »Powerautor« wie Breinersdorfer nur recht sein.

Meisterklasse Fred Breinersdorfer

Am 17. März 2015 veranstaltete das Haus des Dokumentarfilms mit dem Drehbuchautor und Filmproduzenten Fred Breinersdorfer eine Meisterklasse. Das Thema der Lageveranstaltung: »Historische Recherche«.

Sophie Scholl - die letzten Tage

Julia Jentsch als Sophie SchollTief ins Recherchethema steigt Breinersdorfer dann bei »Sophie Scholl« ein. Das ist jener Film, zu dem er nicht nur mit seiner Tochter das Drehbuch schrieb, sondern den er auch selbst produzierte. Es war überhaupt für ihn ein Neubeginn - und was für einer. Der Film war 2006 für einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film prämiert und weiß auch heute noch seine Zuschauer zu packen. Breinersdorfer konzentriert sich bei der Stuttgarter Meisterklasse auf drei jeweils zehn Minuten lange Verhörszenen. Sie sind - das darf man mit aller Zurückhaltung attestieren - mit das Beste, was deutsches Kino in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Und das liegt wohl daran, weil sie so gut ausgearbeitet und präzise gespielt sind. Das Verhältnis von Sophie Scholl (unglaublich stark: Julia Jentsch) und ihrem Verhörungsbeamten Robert Mohr (genial gespielt von Alexander Held) entwickelt sich in diesen Filmstrecken vom Abtasten über wilde Angriffssituationen hin zu einer fast väterlichen Nähe. Doch dieser Moment, und das Ende kennen wir ja alle, stürzt dann in politisch motivierte Abscheu. Dahinter jetzt zu erkennen: Fred Breinersdorfer, der Autor, der nicht nur die Verhörprotokolle verarbeitete, sondern auch Tagebuchaufschriebe und Teile des Flugblattes der Geschwister Scholl. Diese Mixtur der Quellen zu einem solch starken Text zu verdichten, zeigt den Meister. 

Andula - Bericht aus einem anderen Leben

Hannah Herzsprung in »Andula«

Es folgt ein ebenso harter Stoff - und er wird heftig diskutiert in dieser Meisterklasse: Breinersdorfers von ihm gedrehter und produzierter Dokumentarfilm »Andula« wird angespielt. Dieser »Bericht aus einem anderen Leben« stellt das Leben und Sterben der tschechischen Schauspielerin Anna Letenska vor. In der Besatzungszeit durch die Nazis in Tschechien spielte sie quassi um ihr Leben - das sie aber, wie viele Tausdende Landsleute, in einem Vernichtungslager verlor. Es ist ein Stoff, der nicht populär wirkt und nicht elegant als Spielfilm inszeniert wurde. Von der Aktualität des Stoffes ist Breinersdorfer überzeugt: »Ich weiß von fünf Büchern, die alles diese Geschichte erzählen wollten.« Für seine Annäherung hat Breinersdorfer einen interessanten szenischen Trick gewählt: die Erzählerin Hannah Herzsprung tritt auch im Film auf - aber nicht als Schauspielerin, sondern als quasi stumme Beobachterin. Zeitgleich hört man ihre Stimme aus dem Off. Diese Entscheidung habe ihren Ursprung vor allem in »meiner abgrundtiefen Ablehnung von Reenactments«, sagt Breinersdorfer.

Da bekennt sich ein Medienmann also dazu, eines der beliebtesten Stilmittel des Fernsehens in diesen dokufiktions-hungrigen Zeiten abzulehnen. Der Erfolg gibt dem Mann recht, aber die Redaktionen in den Sendern nicht im gleichen Maße. Breinersdorfer erzählt auch von Projekten, die gescheitert oder zumindest abgelehnt wurden. »Ein Stoff über Masern wurde vor drei Jahren abgelehnt. Damit war er eigentlich tot«, berichtet der Autor. Aber im Moment versuche er aufgrund der neuen Aktualität den Sendern mitzuteilen, dass »er da ja etwas habe«. 

Elser

Filmszene aus »Elser«

Der Autor zeigt sich auch als Rechercheur, der die Geschichte ergründet haben will, bevor er daraus eine Geschichte macht. »Bei Recherchen muss man immer ins eigene Risiko gehen«, sagt er auf die Nachfrage einer jungen Kollegin hin. Er schildert, wie er auf eigene Kosten für »Andula« etliche Male nach Prag reiste. Breinersdorfer bekennt sich an dieser Stelle zum »Jagdinstinkt« nach authentischen Erlebnissen. Ein dramatisches Dokument statt eines Dokudramas, das würde er immer gerne realisieren. Aber seine Zuhörer wissen, was er selbst ja auch nicht verleugne: Ohne die »Tatorte« und »Anwalt Abels«, die er in Serie schrieb, hätte Breinersdorfer nicht das Durchstehvermögen, um einen Stoff in der Tiefe zu erforschen.

Auch in seinem jüngsten Filmprojekt, das Oliver Hirschbiegel inszenierte, hat sich Breinersdorfer mit seiner Tochter Leoni-Claire jahrelang engagiert. Sieben Jahre recherchierten die beiden - seine Tochter hatte das Thema schon ein Jahr bearbeitet, bevor der Vater dazu stieß. Realisiert werden konnte laut Breinersdorfer der Film nur, weil unter anderem die MFG Filmförderung Baden-Württemberg und der Südwestrundfunk an den Film glaubten und das letztlich sieben Millionen Euro teure Projekt unterstützen. Dabei kam auch ein interessanter Kontakt ins Haus des Dokumentarfilms zu stande, in dem Breinersdorfer bei dieser Meisterklasse ja Gast ist. So schließt sich ein Kreis, denn Breinersdorfer bringt Footage mit: Filme aus dem Leben in den dreißiger Jahren in Heidenheim. Das Material, das er zur Recherche vom Stuttgarter Filmhaus erhalten hatte, zeigt Originalaufnahmen, die als wertvolle Grundlage für den Spielfilm mehr als 70 Jahre später genutzt werden konnte.

Von solchen Archiven wie der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg zu wissen, ist ein Vorteil, den Breinersdorfer hat. Allerdings: Es ist kein Geheimnis seines Erfolges, denn seine Recherchequellen hat er in dieser Meisterklasse mit großer Offenheit benannt. Ohne Recherche ahnt man da, gibt es keine gute Geschichte. Aber die gute Geschichte muss dennoch geschrieben werden. Wie, das bleibt dann wohl das Breinersdorfer-Rezept, das bei dieser Meisterklasse nicht gelüftet werden kann.  

Am Ende muss Breinersdorfer pünktlich gehen. Stoff hätte es noch genug gegeben, allein die Zeit hätte einen Mehrteiler verlangt statt eines Sechsstünders.

Ein Mitschnitt der Veranstaltung wird in den nächsten Wochen an dieser Stelle veröffentlicht werden.

(Thomas Schneider)

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