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Der Holocaust verliert seine Abstraktheit

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Doku-NewsAuf großes Interesse stieß bei der kürzlichen DOK Premiere der Dokumentarfilm »Wiedersehen mit Brundibar« des renommierten Regisseurs Douglas Wolfsperger. Der Filmemacher, der sowohl im Spiel- als auch Dokumentarfilm zu Hause ist, hat das Projekt selbst initiiert. Er begleitet die Theatergruppe »Die Zwiefachen« an der Berliner Schaubühne bei ihren Proben zur Kinderoper »Brundibar«. Die DOK Premiere fand im Ludwigsburger Kino Calgari statt. Die Verantaltungsreihe wird gemeinsam organisiert vom Haus des Dokumentarfilms und von Kinokult.de.

Bildhinweis: Szene aus »Wiedersehen mit Brundibar« © Douglas Wolfsperger

Der Film zeigt die Jugenlichen bei der Entwicklung des Stückes. Sie haben zum Teil mit ihren Familien gebrochen, einer war drogenabhängig und hätte fast Selbstmord gemacht. Das Stück hat ebenfalls eine ungewöhnliche Geschichte. Es wurde in Prag geschrieben und im Waisenhaus uraufgeführt. Als sein Komponist Hans Krasa in das KZ Theresienstadt deportiert wurde, hat er es dort mit Kindern und Jugendlichen einstudiert und über 50 Mal aufgeführt.

Greta Klingsberg spielte damals eine der Hauptrollen als junges Mädchen und gehört zu den wenigen der Gruppe, die den Holocaust überlebt haben. Heute strahlt sie ein besonderes Charisma aus, ist sehr offen, erzählt aus ihrem Leben und diskutiert mit den Berliner Jugendlichen, wie es damals war. Zusammen fahren sie nach Terezin, dem ehemaligen Theresienstadt, und entdecken dort zusammen die Geschichte. Das Interesse der Jugendlichen wird geweckt. Der Holocaust verliert seine Abstraktheit, es wird die Neugier der Akteure geweckt. Die Kamera von Frank Amann und Igor Luther fängt sehr anrührende Gespräche zwischen ihnen in starken Bildern ein. brundibar 3_300px Beispielsweise räkeln sich Greta und Annika auf einem satt grünen Rasen neben dem Friedhof in Theresienstadt. Sie werden dabei von oben gefilmt. Solch eine Situation ergibt sich nicht von allein, sondern muss sorgfältig geplant werden. Bei den Gesprächen fungierte der Regisseur als Stichwortgeber. Es entwickeln sich Freundschaften. Greta kommt zur Premiere und Annika und Ikra besuchen sie nach einem halben Jahr in Israel.

Im Filmgespräch im Anschluss an die DOK Premiere mit Regisseur Wolfsperger und Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms wurde deutlich, dass die Zuschauer den Film mochten und ihn für sehr gelungen hielten. Sie bezeichneten ihn als einen Weg, Jugendliche für das Thema zu interessieren. Dies war genau die Absicht von Douglas Wolfsperger: „In meinen Augen liegt ein Schlüssel in der Erfahrung der jungen Protagonisten, welche im Film gezeigt werden. Während ihrer Proben an der Kinderoper in der Berliner Schaubühne und der Begegnung mit der charismatischen Greta Klingsberg entwickeln sie starke Reaktionen, entstehen in ihnen neue Einsichten und heftige Emotionen. So holen sie den schlimmsten Abschnitt der deutschen Geschichte mitten hinein in unsere Gegenwart.“

Er wurde gefragt, ob man ihn nicht stärker in Schulen einsetzen oder den Film im Kino in Schulvorführungen zeigen könne. Dies ist möglich und Douglas Wolfsperger wies darauf hin, dass es natürlich ein ganz anderes Erlebnis sei, diesen Film im Kino zu sehen. Kay Hoffmann erläuterte in der Diskussion kurz die Hintergründe des NS-Propagandafilms, in dem die Nazis ihr Wunschbild eines KZ zeigen wollten. Darin gibt es auch Passagen mit der Kinderoper, die Wolfsperger verwendete. In einer Sequenz sieht man Kinder, die Butterbrote essen. Was meint nicht sieht ist, dass sie so ausgehungert waren, dass die Brote immer schon gegessen waren, bevor die Kamera lief.

Douglas Wolfsperger erläuterte auch die Schwierigkeiten mit der Produktion, da sowohl Filmförderungen als auch Fernsehsender zunächst sehr zurückhaltend waren. Da er jedoch die Inszenierung des Stückes angeregt hatte, hat er den Film dann auch mit einem kleinen Budget gestartet und sich für das Projekt ziemlich verschuldet. Beim Filmfest Biberach wurde er mit dem Goldenen Biber als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet und ist gerade in die Endrunde für den deutschen Filmpreis nominiert worden. In wenigen Wochen läuft eine auf 52 Min. gekürzte Fassung auf Arte, doch die Langfassung wird sicher immer wieder in Kinos gezeigt werden.

Mehr zum Film:
www.brundibar-derfilm.de

(Kay Hoffmann)

Bildhinweis:
Alle Fotos zeigen Szene aus »Wiedersehen mit Brundibar« oder von den Dreharbeiten
© Douglas Wolfsperger

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24. April 2017

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