fbpx

Unsere DOK Premiere im Juli: »Lord of the Toys«

3.7.2019, 19.30 Uhr, Kino Caligari Ludwigsburg

Kartenreservierung: www.kinokult.de/reservieren

»Lord of the Toys« von Pablo Ben Yakov und André Krummel (Kamera)

Max »Adlersson« Herzberg aus Dresden, 20 Jahre alt, hat entschieden sein Leben nicht mit Arbeit zu verbringen. Seitdem referiert er über Messer und alle möglichen andere Produkte, öffnet Gangsta-Rap-Fanboxen, erzählt von sich selbst, besäuft sich in aller Öffentlichkeit, pöbelt und grölt herum, erniedrigt Schwächere, reißt derbe Witze und testet jede Grenze aus, die er sieht – Max ist YouTuber und lebt davon. Er hat mehr als 300.000 aktiven Fans. Max und seine Clique sind zweifelhafte Vorbilder, kurzfristig Internet-Stars, die ebenso schnell verglühen können.  

 

 

Ist Max ein gewaltverherrlichender Influencer mit rechten Tendenzen oder ein gewöhnlicher Heranwachsender auf der Suche nach Halt und Identität, in einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Privatleben und Öffentlichkeit zunehmend verschwinden? Womöglich ist er beides, wahrscheinlich ohne sich dessen allzu bewusst zu sein. „Lord of the Toys“ begleitet Max und seine Clique einen Sommer lang und hinterlässt ein dystopisches Bild der ersten Generation junger Erwachsener, die ein Leben ohne Internet, YouTube und Instagram nicht kennen. Der eindrückliche Dokumentarfilm portraitiert sie und untersucht die Welt, in der ihre Lebensmodelle gedeihen: den Westen im Allgemeinen und den deutschen Osten im Speziellen.

Der Beginn ist nichts für zart Besaitete: eine Einstellung ohne Schnitt, Komasaufen, rassistische, sexistische Sprüche am laufenden Band, die Kamera immer dicht dran. Der Beginn ekelt und tut weh. Er soll dies auch. Es ist ein starker Einstieg in einen verstörenden Film. Vor seiner Uraufführung bei DOK Leipzig gab es Proteste gegen seine Vorführung, da er einem Neonazi eine Plattform zur Selbstdarstellung gegeben werde. Es wird in einigen Szenen deutlich, dass Max sich der Anwesenheit der Kamera immer bewusst ist. Doch der Film entlarvt ihn und seine Clique trotzdem. Er zeigt, warum heute junge Menschen nach rechts driften.

Er gewann beim Festival den Deutschen Wettbewerb und die Jury begründete ihre Entscheidung sehr differenziert: »Weil er smart, differenziert, extrem mutig und von einer schmerzhaften politischen Brisanz ist. Und den Anspruch erfüllt, den man an einen guten Dokumentarfilm haben muss: Er hilft Leuten, zu kapieren, was woanders los ist. Gezeigt wird der Alltag einer Gruppe von Dresdener Youtubern, Jungs, paar Mädchen, weit und breit keine Erwachsenen, die aus Langeweile und Verlorenheit auf der Grenze zu rechtsradikal unterwegs sind; und dabei mehrere hunderttausend Follower in den sozialen Medien haben. Sie stricken an einer Welt, in der sie was bedeuten, die ihnen aber gleichzeitig die Erfüllung ihrer Bedürfnisse verbauen wird: Vertrauen und Nähe. Die Filmemacher haben eine Grenzüberschreitung geleistet; sie lassen sich vollständig auf ein anderes Milieu, eine andere Generation, eine andere politische Haltung ein, um ernsthaft dem auf den Grund zu gehen, worüber man in Tageszeitungen als Gefahr für unsere Demokratie liest. Sie gehen so tief rein, wie man reingehen kann. Sie versuchen dabei, nicht nach vorgefertigten Schemata zu werten. Und verlieren dabei trotzdem an keiner Stelle ihre Haltung und ihre kritische Distanz. Sie wollen etwas begreifen, nämlich eine Dynamik, die junge Menschen gruppenweise in die Radikalität schlittern lässt. Der Film ist souverän, ohne zu routiniert oder zu abgeklärt zu sein. Er ist liebevoll, jenseits der Floskel. Und außerdem formal – ästhetisch und dramaturgisch – zutiefst beeindruckend. Ein in der Form noch nicht dagewesener Beitrag zum Verständnis dessen, was grade in unserer Welt passiert. Man sagt über Filme gerne mal, dass sie wehtun – dieser Film tut wirklich weh, teilweise physisch. Aber aus gutem Grund.«

Nach der Vorführung im Caligari Kino wird es wieder ein Filmgespräch mit dem Regisseur Pablo Ben Yakov, seinem Kameramann André Krummel und Kay Hoffmann (Haus des Dokumentarfilms) geben.

(Kay Hoffmann)

Tags: DOK Premiere

Drucken E-Mail