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SWR Doku Festival: Deutscher Dokumentarfilmpreis 2020 vergeben

Der Deutsche Dokumentarfilmpreis gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen der Branche. Am 1. Juli 2020 wurden die Preisträger bekannt gegeben. Die Gewinner und nahezu alle nominierten Filme sind bis zum 3. Juli auf der Seite des SWR Doku Festivals frei zugänglich. 

Am 1. Juli um 19 Uhr überreichte Moderator Max Moor symbolisch den Deutschen Dokumentarfilmpreis in vier Kategorien. Im Corona-Jahr fand die Preisverleihung im Rahmen des SWR Doku Festivals erstmals digital statt. Sonst geht sie zeitgleich zum Branchentreff DOKVILLE über die Bühne und ist somit gemeinsamer feierlicher Ausklang der partnerschaftlich verbundenen Veranstaltungen in Stuttgart. Doch dies soll nicht die einzige Besonderheit in diesem an Besonderheiten reichen Jahr bleiben.

Deutscher Dokumentarfilmpreis für zwei Produktionen

Der mit 20.000 Euro dotierte, vom Südwestrundfunk und der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg gestiftete Hauptpreis wird 2020 geteilt und geht an Elke Margarete Lehrenkrauss für „Lovemobil“ und Feras Fayyad für „Eine Klinik im Untergrund – The Cave“. Die Filmschaffenden folgen damit Thomas Heise und seiner Produktion „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, der 2019 in der Hauptkategorie gewürdigt wurde.

„Eine Klinik im Untergrund – The Cave“ von Feras Fayyad

Nach „Last Men in Aleppo“ war „The Cave“ bereits der zweite Oscar-Anwärter von Feras Fayyad. Nun konnte der couragierte syrische Filmemacher beim Deutschen Dokumentarfilmpreis mit seinem „einzigartigem Zeitdokument“ (SWR) überzeugen. Die Dokumentation begleitet die 30-jährige angehende Kinderärztin Dr. Amani während des Syrienkrieges bei der täglichen Arbeit. Diese verrichtet sie mit ihrem Team unter schwersten Bedingungen in einem verborgenen unterirdischen Feldkrankenhaus, das einer Höhle gleicht. Selbst nach schweren Bombardierungen und einem Giftgaseinsatz geben hier Solidarität, Mut und Herzlichkeit den Ton an.

Filmstill The Cave

„Kinder mit Bombensplittern und Opfer von Chlorgasattacken – der Krieg zeigt sich hier in seiner sinnlosen Rohheit“, heißt es seitens der Jury, die auch auf die Ambivalenz des menschlichen Wesens zu sprechen kommt. „Die Schrecken des Krieges werden gezeigt, doch darüber hinaus thematisiert ‚The Cave‘ die Wahrung der Humanität in ihrer Allgemeingültigkeit. Das macht diesen Film so zutiefst berührend und intelligent, weil er uns alle miteinbezieht.“

Nach der Ausstrahlung im Rahmen des Doku-Sommers im Ersten (1. Juli 2020, 22:45 Uhr, ARD) ist „Eine Klinik im Untergrund – The Cave“ 30 Tage in der ARD Mediathek verfügbar. Außerdem ist der Film auf der Seite des SWR Doku Festivals bis zum 3. Juli 2020 kostenlos abrufbar. 

Trailer & Credits „Eine Klinik im Untergrund – The Cave“

EINE KLINIK IM UNTERGRUND – THE CAVE. Buch: Alisar Hasan, Feras Fayyad. Regie: Feras Fayyad. Kamera: Muhammed Khair Al Shami, Ammar Suleiman, Mohammed Eyad. Montage: Per K. Kirkegaard, Denniz Göl Bertelsen. Ton: Peter Albrechtsen. Musik: Matthew Herbert. Produktion: Danish Documentary Production. Koproduktion: ma.ja.de Filmproduktions GmbH, Hecat Studio Paris, Madam Films; Zusammenarbeit mit National Geographic, SWR, TV 2. Filmförderung: DOHA, Sun Yat-Sen Cultural Foundation, International Media Support, The Danish Film Institute Development, Docs Up Fund, Normandie for Peace. Syrien, Dänemark, Deutschland, USA und Katar 2019 – 95 Minuten. FSK: ohne Angabe

„Lovemobil“ von Elke Margarete Lehrenkrauss

Drei Jahre lang war Elke Margarete Lehrenkrauss in ihrer niedersächsischen Heimat unterwegs, um mit Sexworkerinnen zu sprechen. Die Prostituierten traf sie in ihren neonbeleuchteten Wohnmobilen am Straßenrand, in denen sie sonst ihre Dienstleistungen anbieten. Hier baute sie mit „menschlichem wie filmischen Feingefühl“ (Jurybegründung) Schritt für Schritt Vertrauen zu den Frauen aus aller Welt auf.

Filmstill Lovemobil

Herausgekommen sei „eine Reise in eine innere und äußere Realität, wie es vielleicht nur der kreative Dokumentarfilm kann“, so die Jury, die besonders die Qualität der Begegnungen „auf Augenhöhe, mit viel Zeit und filmischer Differenziertheit“ in ihrem Statement zur Preisvergabe hervorhebt. Lehrenkrauss spüre den verborgenden Schichten der Wirklichkeit nach, ohne zu verurteilen, so dass das Publikum Raum für eigene Gedanken und Gefühle habe. Es sei ergänzt: In Zeiten, in denen Misogynie und Bigotterie noch nicht aus allen Köpfen verschwunden sind, ist dies eine umso beachtlichere Leistung.

Trailer & Credits „Lovemobil“ 

LOVEMOBIL. Buch und Regie: Elke Margarete Lehrenkrauss; Kamera: Christoph Rohrscheidt; Montage: Elke Margarete Lehrenkrauss; Ton: Henrik Cordes, Elke Margarete Lehrenkrauss; Musik: Dascha Dauenhauer; Produktion: Elke Margarete Lehrenkrauss. Koproduktion: NDR; Filmförderung: nordmedia Film- und Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen mbH; Stipendium „cast&cut“ der Stiftung Kulturregion Hannover. Deutschland 2019 – 103 Minuten; FSK 18

Norbert Daldrop Preis für Ulrike Ottingers „Paris Caligrammes“

Mit dem von der Norbert Daldrop Förderung für Kunst und Kultur gestifteten Preis in Höhe von 5.000 Euro wurde Ulrike Ottinger ausgezeichnet. In „Paris Caligrammes“ blickt Ottinger zurück auf ihre Zeit als Malerin im Paris der 1950er und 60er Jahre – „eine dokumentarische Erzählung, die weit über das Autobiographische hinausgeht und das Bild einer oft portraitierten Stadt zeichnet, ohne dem Klischee zu verfallen“, so der SWR.

Filmstill Paris Calligrammes

Die Jury meint: „Der Weg von einer Malerin zur multimedial arbeitenden Künstlerin und Filmemacherin erscheint in dieser Rückschau als logische Konsequenz von Begegnungen mit all den Menschen, Orten und Kunstwerken, die sie in der kurzen Zeitspanne von 1962 bis 1968 in Paris erlebt, erobert und entdeckt. […] Mit jedem Detail, jedem angespielten Musikstück, jedem Bildausschnitt wird das von ihr vor uns ausgebreitete Panorama lebendiger, wird die Dokumentation über die Künstlerin selbst zum Kunstwerk.“

Im Telefon-Interview mit Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms hat Ulrike Ottinger die Hintergründe ihrer filmischen Reise in die Vergangenheit erläutert:

PARIS CALIGRAMMES. Buch und Regie: Ulrike Ottinger. Kamera: Ulrike Ottinger. Montage: Anette Fleming. Sounddesign und Mischung: Detlef Schitto. Produktion: zero one film. Koproduktion: Idéale Audience, INA, ZDF/3Sat. Filmförderung: BKM, Medienboard Berlin Brandenburg, FFA, DFFF, CNC. Deutschland/ Frankreich 2019 – 129 Min. FSK 0.

Musik-Preis für „Die Liebe frisst das Leben, Tobias Gruben …“

Filmstill Die Liebe frisst das Leben, Tobias Gruben

Der von der Opus GmbH gestiftete Sonderpreis für eine herausragende Musik-Dokumentation geht 2020 an Oliver Schwabe für „Die Liebe frisst das Leben, Tobias Gruben, seine Lieder und die Erde“. Die Auszeichnung ist mit 5.000 Euro dotiert. Das viel zu kurze Leben von Tobias Gruben, der 1996 in Hamburg an einer Überdosis stirbt, wird mittels Interviews, teils unveröffentlichter Songs sowie Briefen gefühlvoll, aber nie gefühlig nachgezeichnet. Auch mehr als 20 Jahre nach seinem Tod ist der Musikpoet, der als nahezu unentdeckter Diamant deutscher Popkultur gilt, noch immer fest in den Herzen seiner Freunde und Anhänger verankert. Seine Texte und Lieder hatten indes nie den kommerziellen Erfolg, die sie eigentlich verdient gehabt hätten.

„Der Film schafft, was man sich von jedem Film, nicht nur von Dokumentarfilmen wünscht: Der Plot erzeugt einen intensiven Sog hinein in die Geschichte und die Welt des Protagonisten“, schwärmt die Musikfilm-Jury, die autark von der Hauptjury entscheidet. „Das Lebensdrama des Tobias Gruben berührt wie das Schicksal eines Romanhelden und macht den Film zu ziemlich großem Kino.“

Trailer & Credits „Die Liebe frisst das Leben, Tobias Gruben …“

DIE LIEBE FRISST DAS LEBEN, TOBIAS GRUBEN, SEINE LIEDER UND DIE ERDE. Buch und Regie: Oliver Schwabe. Kamera: Nikolas Jürgens (Henning Drechsler). Montage: Christian Becker. Ton: Jule Burjes (Michael Arens, Filipp Forberg). Musik: Tobias Gruben, Die Erde, Cyan Revue, Sol. Produktion: field recordings filmproduktion. Koproduktion: interzone pictures. Filmförderung: Film- und Medienstiftung NRW, FFHSH. Deutschland 2019 – 92 Min. FSK 12

Portrait Valentin RiedlFörderpreis des HDF für Valentin Riedls „Lost in Face“

Der mit 3.000 Euro dotierte Förderpreis vom Haus des Dokumentarfilms (HDF) geht 2020 an „Lost in Face“ von Valentin Riedl. Ausführliche Hintergründe zum Film und ein Video-Interview mit dem Regisseur gibt es in zwei gesonderten Artikeln.

>> Hintergründe zum Film

>> Valentin Riedl im Interview mit HDF-Geschäftsführerin Ulrike Becker

Im Vorjahr hatte „Dark Eden – Der Albtraum vom Erdöl“ von Jasmine Herold und Michael David Beamish den Förderpreis des HDF beim SWR Doku Festival gewonnen.

Trailer und Credits „Lost in Face“

LOST IN FACE. Buch und Regie: Valentin Riedl. Animationsregie: Frédéric Schuld. Kamera: Doro Götz. Montage: Ivan Morales. Ton: Andreas Hildebrandt, Simon Bastian. Musik: Antimo Sorgente. Produktion: CORSO Film. Filmförderung: Film- und Medienstiftung NRW, BKM, FFF Bayern. Deutschland 2020 – 81 Minuten. FSK: keine Angabe.

Filme im kostenlosen Stream

Die meisten nominierten und ausgezeichneten Filme sind ab sofort bis Freitag, 3. Juli 2020, auf der Festival-Website des SWR Doku Festivals als Streaming frei zugänglich, teilt der SWR mit. Weiterhin gibt es Interviews mit allen nominierten Filmemacher*innen und den Juror*innen, Informationen zu den Filmen und zum Deutschen Dokumentarfilmpreis allgemein sowie Grußworte wichtiger Persönlichkeiten.

(Elisa Reznicek)

Tags: doknews

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