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Neue Formen und Stile im Dokumentarfilm

Filmfestivals wie die Berlinale bieten die Chance, Dokumentarfilme zu sehen, die einen anderen ästhetischen Stil nutzen und sich von den durch das Fernsehen geprägten Konventionen grundsätzlich unterscheiden. Dafür gab es am Wochenende einige Beispiele.

Vom Leben eines Schweines

Die neue Festivalleitung hat für solche Produktionen sogar die neue Sektion »Encounters« geschaffen. Die vorrangigen Kriterien sind Mut und Suche nach einer neuen Sprache, wenn auch durchaus mit Anleihen bei der Vergangenheit. Hier lief Victor Kossakovsky’s neuer Dokumentarfilm »Gunda«, der ein klassisch beobachtender Dokfilm ist ohne Musik und Kommentar. Der Mut liegt hier eher im Thema. Gunda ist eine Sau mit zehn Ferkeln, deren Aufzucht Kossakovsky von der Geburt bis zur Abholung begleitet. Zunächst konzentriert er sich auf den Stall, die schwarzweißen Bilder von Egil Haskjold Larsen und ihm selbst sind perfekt ausgeleuchtet. Es sind lange Einstellungen und wenn sich die Kamera bewegt, dann ganz ruhig und fließend. Es gibt noch Exkursionen zu Kühen und Hühnern – hier besonders exotisch ein einbeiniges Huhn, das sich trotz dieser Einschränkung zurecht findet – doch im Zentrum steht Gunda. Später geht es raus auf die Wiese dieses norwegischen Bauernhofes, wo sie nach Lust nach Essen wühlen können. Sozusagen paradiesische Zustände im Vergleich zu den hochindustriellen Schweinezuchten, wo die Tiere in engsten Käfigen auf Betonboden gehalten werden. Und doch kommt auch für Gunda der Tag, an dem ihre Ferkel abgeholt werden. Sehr lange folgt die Kamera der Mutter, die grunzend nach ihren Kindern sucht. Kossakovky sieht seinen Film als Aufforderung, auf Fleisch zu verzichten, gestaltet ihn dabei ästhetisch brillant.

Blutige Vergangenheit

Im Forum liefen zwei Dokumentarfilme zur blutigen Vergangenheit, die ebenfalls radikal neue Wege der Gestaltung gingen. In »Responsabilidad Empresarial« von Jonathan Perel geht es um Verstrickungen der Industrie bei der Verfolgung von Gewerkschaftlern und Oppositionellen während der blutigen Militärdiktatur in Argentinien zwischen 1976 und 1983. Der Film nutzt konsequent denselben Stil. Ein Firmenlogo leitet ein und dann wird das Gebäude der Firma oder die Einfahrt des Geländes aus einem Auto herausgedreht. In einem wahnsinnigen Tempo liest die Stimme, wieviel Arbeiterinnen und Arbeiter in dieser Firma verhaftet, mißhandelt, vermisst oder getötet wurden oder vermisst sind. Die Firmen lieferten in der Regel Namenslisten der Belegschaft, die auffällig waren, sich an Streiks beteiligt hatten oder einfach den Betrieb störten. Die Verhaftungen nutzten die Firmen oft dazu, das Personal zu reduzieren und damit effektiver zu werden. Unter den Firmen sind auch internationale Konzerne beispielsweise der Vertreter der Autoindustrie wie Fiat, Ford, Mercedes-Benz. Jonathan Perel überfordert sein Publikum jedoch mit den vielen Informationen und dem Stil, der auf Dauer eintönig und unfilmisch wirkt. Es gibt sicher bessere Wege, die wichtigen Informationen zu den Vergehen der Militärdiktatur in Argentinien öffentlich zu machen.

In »Anuncarion Tormenta« des Spaniers Javier Fernández Vásquez geht es um Esáasi Eweera, dem König der Bubi in Äquatorialguinea. Als er sich 1904 weigert, sich dem spanischen König unterzuordnen, wird er verschleppt. Er weigert Essen und Trinken, wird krank und stirbt unter mysteriösen Umständen in einem Krankenhaus der Spanier. Sein Stamm wird quasi ausgelöscht, ihre Hütten zerstört. Der Film begibt sich auf Spurensuche und wählt einen ästhetisch spannenden Weg. Oft ist die Leinwand weiß und erst langsam wird eines der wenigen Fotos oder Dokumente sichtbar, bringt sozusagen Licht in der Dunkelheit. Da es allerdings nicht sehr viele visuellen Dokumente gibt, wählt Vásquez den Weg, Archivdokumente von Sprechern lesen zu lassen und sie im Studio zu drehen. Die Texte verdeutlichen die Kaltblütigkeit der spanischen Kolonialisten und ihre Versuche, ihre Untaten zu verwalten. Letztlich sind es auch hier zu viele Informationen, die das Schicksal der Bubi nur annäherungsweise vermitteln können. Zum Schluss wird geschildert, dass die Nutzung der Sprache der Bubi verboten wurde. Von daher ist es ein starkes Symbol, dass am Ende des Films ein alter Nachfahre und eine junge Nachfahrin dieses Stammes die Weigerung ihres früheren Königs noch einmal in der Sprache der Bubi erzählen. 

Die Tristheit des Alltags

Eher reißerisch ist der Titel »Days of Cannibalism« von Tehobo Edkins, der in den USA geboren, aber in Südafrika aufgewachsen ist und dort und in Berlin lebt. Es geht um den spärlich besiedelten Osten Lesothos, der eine weite Landschaft hat. Doch selbst diese Gegend kann sich der Globalisierung nicht entziehen. Chinesen siedeln sich an, eröffnen Geschäfte und sie sehen es als ihre große Chance, damit Geld zu verdienen. Auch chinesische Konzerne siedeln sich an, die Arbeitsplätze schaffen, aber mehr und mehr auch Kontrolle über das Land gewinnen. Damit geraten sie in Konflikte mit den heimischen Viehzüchtenden, die für ihre Kühe natürlich auch Flächen benötigen. Ein symbolisches Bild für den wirtschaftlichen Kannibalismus ist am Ende, dass Kühe die Knochen ihrer verstorbenen Leidensgenoss*innen zermahlen. Ein solch starkes Bild symbolisiert den Stil des Films, der phasenweise wie ein Spielfilm daherkommt.

»La casa dell’amore« von Luca Ferri porträtiert Bianca, eine transsexuelle Prostituierte in Mailand. Es ist ein beobachtender Dokfilm, der aber ebenfalls so aussieht, als seien die Situationen für den Film inszeniert. Dies mag an Bianca liegen, die sich natürlich immer gerne in Szene setzt. Der Film bleibt die ganze Zeit in der kleinen Wohnung, die dunkel und nur mit einigen Kerzen beleuchtet ist. Aber dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Alltag doch ziemlich trist ist beim Warten auf neue Kunden und der Sehnsucht nach echten Freunden. Bei den Anrufen betont sie immer wieder, dass sie 24 Stunden, sieben Tage die Woche zur Verfügung steht und der Freier einfach eine halbe Stunde vorher anrufen sollte, damit sie die Chance hat sich zurecht zu machen, um ihn zu überraschen. Der Film ist der Abschluss einer Trilogie, die jeweils in einer Wohnung gedreht wurden.


(Kay Hoffmann)

Tags: doknews, Berlinale 2020

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