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So war die DOK Premiere im Februar!

»Das geheime Leben der Bäume«
Wieder ausverkauft war unsere DOK Premiere »Das geheime Leben der Bäume« von Jörg Adolph, der im Filmgespräch lebendig die Hintergründe dieser Produktion erläuterte.

 

 

Er gehört zu den profiliertesten Regisseuren in Deutschland, wenn es um die genaue Beobachtung und die visuelle Umsetzung von kreativen Schaffensprozessen geht und man kann ihn als klassischen Autorenfilmer bezeichnen. In seinem Dokumentarfilm »On/Off the Record« (2002) begleitete er drei Monate die deutsche Pop-Gruppe ‚The Notwist‘ und die Produktion ihres von Kritikern hoch gelobten Albums ‚Neon Golden‘. In »Kanalschwimmer« (2004) begleitet er Mutige, die aus unterschiedlichen Motiven den Ärmelkanal durchqueren. In »Houwelandt – Ein Roman entsteht« (2005) dokumentiert er den gesamten Schaffungsprozess eines Buches des Autors John von Düffel vom Schreiben bis zur Vermarktung. Es ist für mich einer der beeindruckensten Filme zur Entstehung von Literatur. In »How to make a Book with Steidl« porträtiert er zusammen mit Gereon Wetzel den bekannten Kunstbuchverleger aus Göttingen und zeigt mit welcher Liebe zum Detail er seine Bücher gestaltet und druckt. In »Die große Passion« (2011) beobachtete er die Vorbereitungen und Aufführungen des Oberammergauer Passionsspiels. Die Dreharbeiten von Edgar Reitz zum Hunsrück-Film »Die andere Heimat« dokumentierte er 2013 in »Making of ‚Heimat'«. In »Elternschule« (2018) zeigte er Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs, die in einer Kinder- und Jugendklinik lernen müssen, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Dieser Film löste einige Diskussionen aus, da im vorgeworfen wurde, Gewalt gegen Kinder zu zeigen. 

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»Das geheime Leben der Bäume« wurde von der bekannten und erfolgreichen Produktionsfirma Constantin Film entwickelt. Sie hatten die Rechte an dem gleichnamigen Bestseller von Peter Wohlleben gekauft und für sie war es das erste Mal, dass sie ein Sachbuch verfilmen ließen. Als Regisseur engagierten sie Jörg Adolph, wohl auch, weil er einige Filme zur Herstellung von Büchern realisiert hatte. Gerade die Buchelemente und dass Peter Wohlleben die Kapitelanfänge liest, sind eine sehr originelle Umsetzung für die Verfilmung eines Buches. Der Film folgt der Struktur des Buches. Adolph begleitete für diesen Film den bekannten Förster Peter Wohlleben eineinhalb Jahre und zeigt seine Ideen zum Wald und den Bäumen. Die atemberaubenden Naturaufnahmen stammen von dem herausragenden Natur- und Tierfilmer Jan Haft (»Das grüne Wunder – Unser Wald«, »Magie der Moore«, »Die Wiese«, »Das Kornfeld«). Daraus ist spannendes Porträt geworden, das im Kino im Moment sehr erfolgreich ist mit inzwischen über 200.000 Zuschauern. Dies ist für einen deutschen Dokumentarfilm außergewöhnlich.

Die Zusammenarbeit mit Peter Wohlleben war unkompliziert und eine wichtige Basis für das Gelingen des Films. Am Ende bezeichnete er das Team wie einen Mantel, der sich um ihn schmiegen würde. Eine neue Erfahrung war für Jörg Adolph nun mit einer großen Produktionsfirma und einem für ihn außergewöhnlich hohem Budget ausgestattet zu sein. Auf der einen Seite verstand er das kommerzielle Interesse von Constantin, auf der anderen Seite wollte er aber seinem dokumentarischen Stil der genauen Beobachtung treu bleiben. Für die Endfassung musste sein Directors Cut doch ziemlich gekürzt werden und einige spannende Momente fielen heraus. Wichtig war ihm und seinem Produzenten Friedrich Oetker die dokumentarischen Aufnahmen mit Peter Wohlleben mit den fantastischen Naturaufnahmen von Jan Haft zu verknüpfen, die er überwiegend neu gedreht hat. Denn für Jörg Adolph unterscheiden sich diese beiden Arten der Bilder grundlegend, da die Naturaufnahmen mit hohem Aufwand gedreht und zum Teil auch inszeniert werden, während die dokumentarische Kamera den Alltag begleitet und die Bilder schlichter sind. Dafür sind sie näher am echten Leben und für ihn Peter Wohlleben als Protagonist natürlich ein Glücksfall. Hier die richtige Balance zu finden war eine Herausforderung im Schnitt, für den seine Ehefrau Anja Pohl verantwortlich war, mit der er seit zwanzig Jahren seine Filme schneidet. Ein eingespieltes Paar. Als weiteres Element kam die von Franziska Henke komponierte Musik hinzu. Als Dokumentarfilmer empfinde er sich als Jäger und Sammler und hätte beim Drehen selten den Eindruck, dass es schon reichen würde. Er würde es lieben, wichtige Ereignisse ausführlich zu dokumentieren. Die Auswahl passiere im Schnitt. Dies zeichnet gute Dokumentarfilme aus, die genau in diesem Prozess gestaltet werden. Nach eineinhalb Jahren Drehen war die Zeit für den Schnitt mit fünf Monaten relativ knapp. Denn der Film musste pünktlich geliefert werden.  

Wohlleben stellt sich klar gegen eine industrialisierte Forstwirtschaft, sowohl was die Anpflanzung von Monokulturen angeht als auch den Einsatz schwerer Maschinen, die durch die Vibration den Waldboden für lange Zeit verdichten. Aber durch Sturmschäden und auch die sehr trockenen Sommer der letzten Jahre setzt doch beim Einen oder Anderen ein Umdenken ein, dass diese Konzepte schädlich sind für den Wald. Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts in der Forstwirtschaft entwickelt, als erkannt wurde, dass man nur so viele Bäume schlagen sollte, wie nachwachsen können. Für Wohlleben besteht ein Problem darin, dass wir die Natur über Jahrhunderte viel zu technisch gesehen hätten, als große Maschine, als Räderwerk, als seien die Bäume unbeseelte Bio-Automaten, die um uns herum arbeiten. Jetzt wisse man, dass die scharfe Trennung zwischen Tier und Pflanze gar nicht existiere. Der Wald liefere den gestressten Menschen eine unglaubliche Entspannung. Ernüchternd ist der Besuch des ältesten Baums der Erde, dessen Alter auf mindestens 9550 Jahre geschätzt wird. Denn es ist ein ziemlich kleiner Baum, der in der rauen Landschaft den Winden ausgesetzt ist. 

Den immensen Erfolg des Films führt der Regisseur in erster Linie auf die Popularität von Peter Wohlleben und die politische Aktualität seiner Ideen zurück. Vor seinem Bestseller hatte er schon 16 Bücher geschrieben, die nicht annähernd so erfolgreich waren. Einen Anteil am Erfolg hat sicher auch die erfahrene Marketingabteilung von Constantin Film. Im Abspann wichtig war dem Regisseur zu zeigen, in wie viele Sprachen das Buch übersetzt wurde und wie die Gestaltung der Titelblätter das unterschiedliche Verhältnis der Gesellschaften zu den Bäumen wiederspiegelt. Dies zeigt auch das internationale Potential dieser Produktion. Und vielleicht wird es ja sogar eine Fortsetzung geben….


(Kay Hoffmann)   

Tags: DOK Premiere

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