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So war die Meisterklasse im Januar!

Eine Frage der Haltung.
Meisterklasse mit Sherry Hormann und dem Drehbuchautor Florian Oeller als Gäste.


Den überwiegend weiblichen Teilnehmerinnen der Meisterklasse mit Sherry Hormann wurde schnell klar, warum sie sich in ihren Filmen oft mit dem Anderen, den Ausgegrenzten beschäftigt. Denn sie selbst hat diese Erfahrung gemacht, als sie Mitte der 1960er Jahre als Kind aus Amerika in die schwäbische Provinz geworfen wurde. Damals gehörte sie auch nicht richtig dazu. Als ihr kranker Bruder mit vier Jahren starb, sollte er zunächst nicht auf dem Friedhof beerdigt werden, da er nicht getauft war. Diese Erlebnisse haben sie und ihre Filme geprägt. Zum Leben gehöre, dass man seine Erfahrungen und Narben immer mittrage. Hormann ist wichtig, diesen von der Gesellschaft nicht richtig Wahrgenommenen eine Stimme zu geben. Nicht ohne Grund stellt sie oft Frauenschicksale in den Mittelpunkt ihrer Filme.

Publikum

Nach ihren sehr erfolgreichen Komödien wie „Frauen sind etwas Wunderbares“ (1994) oder „Irren ist männlich“ (1996) drehte sie dokumentarische Formate für das Fernsehen wie „Angst spür' ich wo kein Herz ist“ (1998). In dem Film geht es darum, wie Kinder mit Themen des Lebens umgehen. Glaube, Tod, Armut, Reichtum, Familie werden in Interviews aus Kindersicht reflektiert. In dem Beitrag, „Ich bin reich arm – Kinder auf der Schattenseite des Lebens“, den sie Ende der 1990er Jahr für den Bayrischen Rundfunk realisierte, griff sie auf Aufnahmen aus „Angst spür ich wo kein Herz ist“ zurück. Sie thematisierte Armut, wieder aus Kindersicht. Berührend sind die Aufnahmen durch die sehr klugen Antworten der Kinder über ihren Alltag und ihre Perspektiven und durch die Nähe, die die Filmemacherin zu ihnen aufbauen konnte. Wenig scheint sich seitdem geändert zu haben, wie Astrid Beyer, Kuratorin der Veranstaltung und Gesprächsleitung, aus der Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2017 zum Thema Kinderarmut zitierte. Demnach leben rund 21% aller Kinder mindestens fünf Jahre dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage – bei uns in Deutschland. Dies wird selten thematisiert und auch die von ihr interviewten Kinder hatten den Eindruck, selten beachtet zu werden.

Der Film habe ihr Kraft gegeben sagt Sherry Hormann ganz offen, denn sie sei in der Zeit etwas verunsichert gewesen, wollte neue Formen des Ausdrucks finden, sich nicht nur auf Komödien festlegen lassen. Sie lässt sich ungern in Schubladen stecken oder auf eine Handschrift festlegen, sondern liebt das Experiment und den Wechsel. Handschriften verändern sich im Laufe der Jahre. Bei solchen Filmen nah an den Menschen müsse man sehr gut vorbereitet sein, dürfe es beim Drehen aber nicht zu sehr zeigen. Abends müsse man verdauen, was man am Tag erlebt habe. „Ich finde es spannend beim Dokumentarfilm, dass es immer auch vom Ausschnitt des Bildes abhängt. Ein paar Zentimeter daneben kann es eine andere Wahrheit sein.“ Sie habe großen Respekt vor den Dokumentaristen und ihrer Arbeit.

Ihr sicher international bekanntester Film ist der Spielfilm „Die Wüstenblume“, der auf der Biografie der Somalierin Waris Dirie basiert, deren Genitalien als Kind in alter Tradition verstümmelt wurden. Als sie mit 13 Jahren zwangsverheiratet werden soll, flieht sie und landet über Umwege in London. Durch Zufall entdeckt sie ein bekannter Fotograf und damit beginnt eine Karriere als internationales Top-Modell. In ihrer Position wird sie zur Menschenrechtsaktivistin und kämpft gegen die Genitalverstümmelung, nicht nur in Afrika, sondern auch in Europa. Die Idee, ihren Bestseller zu verfilmen hatte der Produzent Peter Herrmann. Das Projekt wurde über vier Jahre entwickelt und war sowohl im Kino und im Fernsehen sehr erfolgreich. Allein in Deutschland sahen „Wüstenblume“ 5.3 Millionen Zuschauer bei der TV-Ausstrahlung. Die Dreharbeiten im ostafrikanischen Dschibuti waren gefährlich und es gab keine Infrastruktur für Filmaufnahmen. Hormann und ein Scout waren acht Monate vor Ort, um den Dreh vorzubereiten. Mit ihrem Kameramann Ken Kelch entwickelte sie eine Bildsprache der Unmittelbarkeit. Das Kind durfte beim Dreh mit der Handkamera nicht aus dem Auge verloren werden. Einer der bewegendsten Momente war, mit dem Film nach Afrika zurückzukommen und ihn dort zu zeigen.

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In „3096 Tage“ verfilmte Sherry Hormann 2013 die Geschichte der Österreicherin Natascha Kampusch, die als Zehnjährige entführt und von ihrem Peiniger 8 ½ in einem Keller gefangen gehalten wurde, bis sie sich befreien konnte. Auch dies die Geschichte einer Frau, bzw. eines Mädchens, deren Erleben schwer zu ertragen ist.

Der Stoff bestimmt die Ästhetik und die Form des Films. Für „Nur eine Frau“ (2019), für den sie gerade mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, wurde sie von Sandra Maischberger als Produzentin kontaktiert, ob sie nicht einen Dokumentarfilm über den Ehrenmord an der türkisch-kurdischen Berlinerin Hatun Aynur Sürücü drehen wolle. Schon beim ersten Gespräch wurde klar, dass dies schwierig werden würde, da sich die Familie dazu nicht mehr äußern wollte. Es fiel die Entscheidung, aufgrund der authentischen Akten, Briefe und Überlieferungen einen Spielfilm zu entwickeln. Mit dem Buch wurde Florian Oeller betraut, der in der Meisterklasse zusammen mit Sherry Hormann die Hintergründe dieses Projektes erläuterte. In der Argumentation sind die beiden ein eingespieltes Duo. Als Grundlage dienten zum einen ein Sachbuch und zum anderen sieben Meter Prozessakten, durch die sich Oeller durcharbeitete. Als sehr starkes Bild hatte sich bei Hormann der von einem Leichentuch bedeckte Körper aus den Nachrichtenaufnahmen eingeprägt. So beginnt der Film und aus dem Off wird die Lebensgeschichte von Hatun Aynur Sürücü aus ihrer subjektiven Perspektive erzählt. Der Toten erhält dadurch eine Stimme. Sie erzählt von ihrem Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung und wie sie sich dadurch von ihrer Familie entfernte. Schließlich wurde sie von ihrem jüngsten Bruder getötet, um die Ehre der Familie wiederherzustellen. „Wir wollten differenziert an das Thema herangehen, auch um der rechten Szene nicht in die Hand zu spielen“, stellt Hormann fest. Was im Film erzählt wird sei zu 90% belegt. Die Hauptdarstellerin hat den Text dreimal an unterschiedlichen Tagen und Stimmungen eingesprochen. Er wurde gemeinsam entwickelt und über einzelne Worte und Begriffe bisweilen tagelang gestritten. Dies war ein Korrektiv dafür, dass die Frauengeschichte von einem Mann geschrieben wurde. Florian Oeller gab offen zu, dass er durchaus seine Zweifel hatte, ob ihm dies Buch gelingen und er den richtigen Ton treffen würde. Im Schnitt gab es durchaus die Spannung zwischen dem Rhythmus des Films und seinem Wunsch, die mühsam recherchierten Fakten zu benennen: „Ich musste eine Woche klären, was für mich Ehre bedeutet. Niemand kann dies genau sagen.“ Für die Alltagssituationen brachte auch das Schauspielerensemble seine Erfahrungen ein.

Eigentlich sind in der Familie die Mutter und die Brüder die treibenden Kräfte, der Vater hält sich zurück und lässt die Dinge geschehen und reist in die Türkei zurück. Dies ist in den Akten ebenso belegt wie der versuchte Missbrauch durch den Bruder. Bis auf die im Studio gebaute Wohnung wurde an Originalschauplätzen gedreht, was die Aufnahmen nicht einfach machte. Zum Teil werden Originalfotos und Videos aus der Familie gezeigt. Einige Situationen wie der Streit vor der Disko wurden aus Kostengründen als Fotos umgesetzt. Dies ist ein interessantes Stilmittel des Films. Für Hormann ist es wichtig, dass Hatun Sürücü nicht nur Opfer war, sondern auch eine Heldin, die mit viel Energie und Kraft dafür kämpfte, ihr eigenes Leben zu leben.

Es ist wichtig festzustellen, dass die althergebrachten Wertvorstellungen der Familie uns heute wie aus einer anderen Welt erscheinen, aber vergleichbare Wertvorstellungen zur Rolle und Ehre der Frau vor 50 Jahren auch im erzkonservativen Westdeutschland vorherrschten, als die Frau noch die Erlaubnis ihres Mannes benötigte, um arbeiten gehen zu dürfen.


(Kay Hoffmann | Astrid Beyer) 

Tags: doknews, Meisterklasse

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