fbpx

Dokumentarfilm.info aus dem Haus des Dokumentarfilms
DOKUMENTARFILM.INFO - TÄGLICH DAS BESTE VOM DOKUMENTARFILM
facebook logo   twitter logo    instagram logo

Dokville 2: AnimaDok für Kinder

DOKVILLE machte deutlich, dass Animationen nicht nur etwas für Kinder sind. Denn gegen dieses Vorurteil muss die Animationsbranche in Deutschland immer noch kämpfen. Aber das Nachmittagsprogramm am ersten Tag machte ebenso deutlich, dass es auch für Kinderprogramme sehr gut funktionieren kann. Kinder und Jugendliche reagieren sehr gut auf animierte Sequenzen in dokumentarischen Formaten und verstehen sie manchmal auch besser als die Erwachsenen.

DV19 Do 05„Warum ich hier bin“ von Susanne Mi-Son Quester und Mieko Azuma zeigt fünf Flüchtlingsgeschichten von sehr unterschiedlichen Personen. Die Spannweite reicht von Frau Schiller, die im Zweiten Weltkrieg vertrieben wurde, über den bekannten Fußballspieler Cacao bis zu drei Jugendlichen, die es aus verschiedenen Gründen nach Deutschland verschlagen hat. Für die beiden Regisseurinnen war sehr früh klar, dass die persönlichen Schicksale gut mit Animation erzählt werden können. Allerdings kannten sie sich überhaupt nicht aus in dem Bereich und waren erst einmal überrascht, dass sie für eine Minute Animation mit einem Monat Produktionszeit rechnen müssen. Da sie mit ungefähr 15 Minuten gezeichnetem Material planten, hätte dies die Produktionszeit nach dem Rohschnitt des real gedrehten Materials sehr verlängert. Deshalb entschieden sie sich, für jeden Charakter einen andere Animatorin oder Animator zu wählen. Sie fanden sie relativ schnell im Internet, um Stile zu finden, die jeweils zur Figur passten. Die aus der Zeitnot geborene Idee erwies sich für den Film als eine ausgesprochene Stärke. Denn so gibt es eine Vielzahl an Animationsstilen, die die Charaktere sehr gut unterstützen. Die Organisation sei nicht so schwierig gewesen und die Animationspartner*innen hätten den Zeitplan gut eingehalten. Bei Kindern stößt übrigens Frau Schiller auf das größte Interesse, wohl auch weil es eine spannende Passage mit Wölfen gibt, denen sie auf der Flucht im Wald begegnet.

DV19 Do 06Ein neues Konzept, schon Kindern ab 8 Jahren große Themen der Gesellschaft und Geschichte zu vermitteln präsentierten Frauke Siebold, Eva Werdich und Florian Goetz. Ihr Projekt „Zeitreise – Kids!“ ist in der Entwicklung und für einen ersten Trailer wurde schon umfassend recherchiert. Ausgangspunkt ist jeweils ein Artefakt wie ein Abschiedsfoto einer armen Bauernfamilie im 19. Jahrhundert vor ihrer Auswanderung nach Amerika. Oder ein Junge freut sich Anfang des 20. Jahrhunderts darauf, in die Schule gehen zu können, nachdem die Kinderarbeit verboten wurde. Oder ein Mädchen flieht nach dem Mauerbau mit ihrer Familie durch einen Tunnel nach Westberlin. Die 25-minütigen Episoden werden konsequent aus der Perspektive der Kinder erzählt. In den Winkler Studios wurden dafür Laienschauspieler in zeitgenössischen Kostümen vor Greenscreen aufgenommen und nachträglich die Hintergründe animiert. Der Protagonist erweckt so historische Fotografien, Orte, Landschaften zum Leben, geht an Bord eines Schiffsmodells oder bedient Spinnmaschinen in einer Miniaturfabrik. Die Artefakte schlagen einen Bogen von Vergangenheit zur Gegenwart. Die ersten zehn Episoden sind bereits fertig, doch die Serie soll ausgebaut werden und die Produktion sucht weitere Partner und Sender für ihr vielversprechendes Projekt. Eine Grundschullehrerin im Publikum wurde von dem Konzept auf jeden Fall überzeugt.

DV19 Do 07Um Kinder in Familien aus der rechten Szene geht es in „Kleine Germanen“ von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh. Ihre wichtigste Protagonistin ist Elsa, die von ihrem Großvater schon mit seinen Kriegserlebnissen konfrontiert und im Sinne des völkischen Denkens erzogen wurde. Diese Ideen gibt sie selbst an ihre zahlreichen Kinder weiter bis sie erkennt, dass dies doch falsche Ideen sind und aus der Szene aussteigt. Sie wollte nicht mit Kamera aufgenommen werden, da sie sich eine neue Existenz aufgebaut hat. Ihre Geschichte ist in einem Stil animiert, der an Ölgemälde erinnert und sich wie ein roter Faden durch den Film zieht. Ergänzt wird es mit Gesprächen über Erziehung mit Vertretern der rechten und rechtsradikalen Szene und anderen Aussteigern. Die Experten-Interviews werden mit dokumentarischen Aufnahmen von Kindern unterlegt, was zumindest ich sehr irritierend fand. Ziel war es, ihre Anonymität zu wahren und die Kinder im Film präsent zu haben und nicht nur Talking Heads wie Frank Geiger erläuterte. An dem Film wurde vier Jahre gearbeitet und die rund 40 Minuten Animation nur möglich waren, da sie in ihrer Produktionsfirma eine eigene Abteilung aufbauten, um zunächst die Animatronics zu entwickeln und dort dann die Bilder komplett zu animieren. In Spitzenzeiten animierten bis zu 30 Personen an den Sequenzen. Vorführungen mit Schüler*innen habe ihm gezeigt, dass dieses Konzept bei dieser Zielgruppe sehr gut ankam und sie den Film und seine Intention gut verstanden hätten. Der Film „Kleine Germanen“ wird mit einem umfassenden Lehrmaterial begleitet, mit denen Lehrer*innen weiterarbeiten können.

Autor: Kay Hoffmann

Tags: dokville

Drucken E-Mail