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Thomas Heise gewinnt Deutschen Dokumentarfilmpreis mit »Heimat ist ein Raum aus Zeit«

Zum dritten Mal fand das SWR Doku Festival im Stuttgarter Metropolkino mit der Vergabe des Deutschen Dokumentarfilmpreises statt. Dafür wurden in diesem Jahr 138 Dokumentarfilme eingereicht, so viele wie nie zuvor. Davon kamen 25 auf die Shortlist und zwölf davon wurden für den Deutschen Dokumentarfilmpreis nominiert, der von SWR und der MFG Filmförderung mit 20.000 Euro dotiert ist.

Dokumentarfilmpreise 2019Die nominierten Filme repräsentierten das ganze Spektrum, was es heute an Themen und Stilen im deutschsprachigen Dokumentarfilm gibt. Von publikumsträchtigen Produktionen mit großem Aufwand und hohem Budget, über sehr anspruchsvolle und künstlerische Arbeiten, investigative Stücke bis hin zu ambitionierten Nachwuchsarbeiten. Am Ende gewann Thomas Heise den Hauptpreis für den sehr persönlichen Dokumentarfilm „Heimat ist ein Raum aus Zeit" über seine eigene Familie und ihren Spuren. Von ihnen werden Zitate aus Briefen, Tagebüchern, Notizen eingesprochen. In den meisten Fällen hat die Bildebene des bis auf wenige Ausnahmen schwarzweißen Films nichts mit ihren Zitaten zu tun. Es sind oft feststehende Einstellungen des Kameramannes Stefan Neuberger von Gebäuden, Landschaften, oft auch Zügen. Menschen kommen nur wenige vor. Am stärksten bleiben die langen Aufnahmen von Deportationslisten von Wiener Juden im Gedächtnis und den Briefen der Großeltern, die damit rechnen, demnächst auch auf diesen Listen aufzutauchen. Die hochrangige Jury entschied sich also wieder für einen schon durch seine Länge von 218 Minuten äußerst sperrigen Film.

Den mit 5.000 Euro dotierten Musikpreis der Opus GmbH gewann die Schweizerin Sophie Huber für „Blue Note Records: Beyond the Notes“. Es ist ein dynamischer Film, der nicht nur die Geschichte des berühmten Jazz-Labels erzählt, das von zwei jüdischen Emigranten 1939 in New York gegründet wurde. Sondern der Film erzählt die Krise des Labels nach seinem Verkauf 1966 und den Neustart in den 1980er Jahren. Denn Blue Note ist bis heute aktiv und schlägt einen Bogen vom Jazz zu Hip Hop und anderen modernen Musikrichtungen.

Ebenfalls in die Schweiz ging der Preis der Norbert Daldrop Förderung (5.000 Euro) an Anja Kofmel für ihren Debütlangfilm „Chris the Swiss“. Dieser Film hat eine lange und schwierige Produktionsgeschichte, denn der Film wurde in Kroatien politisch angegriffen. Anja Kofmel begibt sich auf die Spurensuche, warum ihr Cousin Chris Würtenberg im Jugoslawienkrieg getötet wurde. Er war im Herbst 1991 als freier Radiojournalist nach Kroatien gefahren und schloss sich irgendwann einer internationalen Brigade von Söldnern an. Er wollte darüber berichten und dass war wohl auch der Grund, warum er schließlich von der Brigade umgebracht wurde. Die Geschichte erzählt Anja Kofmel in weiten Teilen als Animation, die eine wahnsinnige visuelle Kraft entwickelt und die Gefühle von Angst und Bedrohung visualisiert. „Chris the Swiss“ gewann beim Schweizer Filmpreis in drei Kategorien.

Ein außergewöhnliches Debüt. Die Leserjury der Stuttgarter Zeitung vergab ihren Preis (4.000 Euro) an Beryl Magoko für „In Search …“. Es ist ihr berührender Abschlussfilm an der KHM Köln. Als Mädchen wurde die Regisseurin in Kenia beschnitten. In ihrem autobiografischen Film spricht sie mit anderen Leidensgenossinnen über die „Female Genital Mutilation“. Sie kämpft gegen diese frauenverachtende Tradition und will die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Dies gelang ihr auch durch ihre sehr emotionale Dankesrede, die vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert wurde.

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Der mit 3000 Euro dotierte Förderpreis vom Haus des Dokumentarfilms ging mit „Dark Eden – Der Albtraum vom Erdöl“ von Jasmine Herold und Michael David Beamish ebenfalls an ein Nachwuchsprojekt. Es geht um den kanadischen Ort Fort McMurray, dem weltweit größten Gebiet von Ölsanden, die mit umstrittenen Methoden von der Ölindustrie ausgewertet werden. Jasmine Herold lebte drei Jahre dort und porträtiert die Menschen, die hauptsächlich durch die gute Bezahlung angelockt werden. Doch der Preis ist hoch: Die aufwändige Gewinnung des Öls aus dem Teersand setzt lebensgefährliche Stoffe frei, die Natur, Tiere und Menschen vergiften. Robbie Picard kämpft gegen das schlechte Image mit seiner Bewegung „I love Oilsands“. Für ihn sind Klimawandel und der desaströse Abbau alles Falschmeldungen, gegen die er massiv vorgeht. Im Laufe des Films wird allerdings deutlich, welchen gesundheitlichen Schäden die Bevölkerung ausgesetzt ist. Selbst die kanadischen Indianer, die entfernt wohnen, sind davon betroffen, denn die gejagten Tiere haben fast alle Krebs. Auch ihr kanadischer Freund Michael David Beamish, der dort in einem Theater arbeitet, bekommt eine vernichtende Krebsdiagnose, die nach Ansicht der kanadischen Ärzte nicht mehr behandelt werden kann. McMurry ist regelrecht abhängig vom Öl und seinem Preis. Wenn er fällt sind viel Jobs gefährdet. Selbst ein Feuer, das viele Eigenheime zerstört, lässt nur einige an ihrem Leben dort zweifeln. Es ist eine spannende und bildgewaltige Filmerzählung über unseren Umgang mit der Natur.

Der noch amtierende SWR Intendant Peter Boudgoust stellte bei der Preisverleihung fest: „Besonders freue ich mich, dass mehr als die Hälfte der nominierten Filme für den Dokumentarfilmpreis von Nachwuchsregisseurinnen und -regisseuren stammen. In einer Zeit, in der unzählige Informationen jederzeit und überall verfügbar sind und die Menschen viele Themen nur noch streifen können, nähert sich der Dokumentarfilm den großen Themen unserer Gesellschaft mit Tiefe. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist der Dokumentarfilm so unverzichtbar, weil er den Zuschauerinnen und Zuschauern die Möglichkeit gibt, sich ein eigenes Bild zu machen." Der SWR spielt in der ARD eine führende Rolle und liefert die meisten der abendfüllenden Dokumentarfilme. Boudgoust wies darauf hin, dass er auf den letzten Metern seiner Intendanz den Etat für Dokumentarfilme noch einmal erhöht habe. Festivalleiter Goggo Gensch hat die Veranstaltung in den ersten drei Jahren aufgebaut und war über die diesjährige Resonanz begeistert. Es kamen doppelt so viele Zuschauer als im Jahr zuvor. Im Herbst geht er in Ruhestand und seine Nachfolgerin wird Dr. Irene Klünder, die bisherige Geschäftsführerin des Hauses des Dokumentarfilms.

Die vollständige Preisverleihung können Sie in der ARD-Mediathek anschauen.

Autor: Kay Hoffmann

Tags: dokville, doknews

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