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„Winter adé“ von Helke Misselwitz in restaurierter Fassung

Absolut Medien würdigt die bedeutende DEFA-Regisseurin Helke Misselwitz zu ihrem 75. Geburtstag mit einer DVD. Neben ihrem Klassiker „Winter adé“ werden mehrere ihrer Dokumentarfilme aus den 1980er Jahren in restaurierter Fassung veröffentlicht.

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Ein Land im Umbruch

Herausgegeben wurde die neue DVD von Stefanie Eckert, die seit Sommer 2020 die DEFA-Stiftung leitet. Im Mittelpunkt steht ganz klar „Winter adé“, mit dem Helke Misselwitz 1988 bei der ‚31. Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche‘ – heute DOK Leipzig – eine Silberne Taube gewann und erstmals öffentlich wahrgenommen wurde. Zuvor hatte sie Kurzfilme realisiert; „Winter adé“ war ihr erster Langfilm mit 116 Minuten Laufzeit.

Eine Bestandaufnahme über das Leben von Frauen und ihre Perspektiven auf die DDR ließ sich im von Männern dominierten Studio schwer durchzusetzen. Unmöglich war es jedoch nicht: Schließlich gelang es ihr. Daraufhin konnte Misselwitz sich auf Eisenbahnreisen durch die Demokratische Republik begeben. Dafür fuhr sie von ihrem Geburtsort Zwickau bis nach Saßnitz an der Ostsee. Ergänzend gestaltete ihr Kameramann Thomas Plenert beeindruckende Schwarzweißbilder auf 35mm Filmmaterial. Gemeinsam fingen sie die gesellschaftliche Umbruchstimmung zur Wendezeit ein. 

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Filmstill Winter adé"(Foto: absolut media/Thomas Plenert)

Frauenschicksale im Zentrum

Dabei führt sie einfühlsame Gespräche mit Frauen und diskutiert mit ihnen über deren Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft. In einem Interview für die Bundeszentrale für politische Bildung erläutert sie ihre Vorgehensweise: „Es sind ja nicht nur die Gespräche, die intensiven Begegnungen, die verabredeten Begegnungen, es sind ja auch zufällige Begegnungen. Und dann gibt es die Alltagsbeobachtungen, die erzählen, wie auch bestimmte Verhaltensweisen und -konventionen weitergegeben werden“. Misselwitz kommt ihnen allen sehr nahe, spricht ihre Sprache und ist ab und zu auch im Bild zu sehen.

Kontrastierung von sozialistischem Ideal und Alltag

Das Spektrum ihrer Gesprächspartnerinnen ist bewusst weit gespannt von Arbeiterinnen zu Akademikerinnen, von aufmüpfigen Jugendlichen bis hin zu einem Paar, das Diamanthochzeit feiert. Über die individuellen Schicksale öffnet Misselwitz den Blick für gesellschaftliche Verhältnisse. Es wird deutlich, dass die proklamierte Gleichberechtigung und das Ideal der Frau im ‚real existierenden Sozialismus‘, in der Praxis schwer umzusetzen ist. Dies macht ihren Film bis heute so wertvoll.

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Helke Misselwitz und Thomas Plenert bei Dreharbeiten, Margarete und Herrmann Busse aus Winter adé" (Fotos: absolut media/Thomas Plenert)

Zunächst keine Ausstrahlung im DDR-Fernsehen

Bei der Abnahme kommentierte der damalige ‚Filmminister‘ Horst Pehnert in der Erinnerung der Regisseurin „Winter adé“ folgendermaßen: „Ich finde den Film ein bisschen zu lang, aber ich wüsste auch nicht, wo man Schneiden könnte. Ich entschuldige mich dafür, keine Frau zu sein.“ Trotzdem blockierten SED-Funktionäre zunächst die Ausstrahlung im DDR-Fernsehen. Beim DOK Fest Leipzig durfte er laufen. Der Film endet mit Bildern einer Eisenbahnfähre, die in die Ostsee aufbricht.

Heizen mit Kohle und Briketts

Auf der DVD ist ein weiterer dokumentarfilm von Helke Misselwitz aus der Wendezeit zu finden, der fantastische „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“ (1989). Darin geht es um eine private Kohlenhandlung im Prenzlauer Berg und den Alltag der Kohleauslieferung in Ostberlin. Firmenvorsteherin ist eine resolute Frau mit Witz und Berliner Schnauze. Sie hat ihre sieben Angestellten fest im Griff, die sich abrackern müssen, den Heizstoff in die Wohnungen und Keller zu bringen. Auch hier gelingt Misselwitz eine Nähe zu ihren Protagonisten und genaue Alltagsbeobachtungen. Für die Bildgestaltung in schwarzweiß und auf 35mm Film war wieder Thomas Plenert verantwortlich. Der Film wird am 20. Oktober um 18 Uhr bei DOK Leipzig in der Retrospektive „Die Dokumentaristinnen der DDR“ gezeigt. 

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Filmstill „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“ (Foto: absolut media/Thomas Plenert)

Aktfotografie und Tangomusik

Die weiteren vier Kurzfilme auf der DVD machen deutlich, dass sich Helke Misselwitz schon in den 1980er Jahren mit dem Alltag der Frauen in der DDR, Familiengeschichten und der Tango-Musik beschäftigt hat. Beeindruckend ist vor allem das Gespräch mit der Fotografin Gundula Schulze über „Aktfotografie“ (1983), bei dem es um Schönheitsideale des weiblichen Körpers geht und wie sie diese in ihren Fotos zu brechen versucht. Misselwitz stellt den Fotos Aufnahmen von Frauen an der Kasse eines Supermarktes gegenüber.

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Filmstills „Aktfotografie - z.B. Gundula Schule" und „Tango" (Fotos: absolut media/Thomas Plenert)

In „35 Fotos“ erzählt eine Frau anhand der Fotos aus dem Familienalbum ihre Lebensgeschichte und dass sie ihre Karriere beim Rundfunk aufgab, als die Kinder kamen. Spannend auch die visuelle Umsetzung der Geschichte der verarmten Familie Marx im Londoner Exil Mitte des 19. Jahrhunderts, die 1988 mit aktuellen Bildern vom Abriss eines Hauses erzählt wird. Der Tangomusik und seiner Geschichte widmete die Filmemacherin 1985 einen Kurzfilm und einen längeren Film, in denen sie viele historische Aufnahmen verwendete und sie mir aktueller Inszenierung des Tanzes kontrastierte.

Ihr genauer Blick fehlt

Die Themen von Helke Misselwitz – vor allem die Rolle der Frauen in der Gesellschaft – haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Noch immer lässt die volle Gleichberechtigung auf sich warten, der Spagat zwischen Beruf und Familie ist schwer umzusetzen, alleinerziehende Frauen müssen weiterhin kämpfen und oft stecken sie letztlich zurück. Von daher ist es schade, dass Misselwitz nach der Jahrtausendwende nur noch wenige Dokumentarfilme realisiert hat. Denn ihr genauer Blick auf den Alltag und ihre intensiven Gespräche würden heute sicher spannende Stoffe liefern.

(Kay Hoffmann)


DVD „Winter adé und andere Klassiker von Helke Misselwitz“, absolut medien, 14,90 €.


Neben der Berichterstattung rund um DOK Leipzig 2022 auf Dokumentarfilm.info gibt es weitere aktuelle Artikel zum Festival auf dokville.de.


 

Tags: doknews, DOK Leipzig

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