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DOKVILLE 2022: Investigativer Dokfilm traf ins Schwarze

Der investigative Dokumentarfilm ist ein wichtiges und vielschichtiges Thema, das für die Akteure riskant werden kann. Dies verdeutlichte der diesjährige Branchentreff DOKVILLE vom Haus des Dokumentarfilms, der von Astrid Beyer ausgezeichnet kuratiert worden war.

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Keine medienfreie Räume mehr

Die hochkarätig besetzten Panels bezogen sich sehr gut aufeinander und ergänzten sich. Wichtige Fragen sprach schon Marc Grün, Referatsleiter im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, an. Für ihn „gehört der Dokumentarfilm mitten in die Gesellschaft“. Denn diese Filme sprechen wichtige Themen an. Regisseur:innen beziehen oft Position und regen zu Diskussionen an. Der Druck bei der Suche nach starken Geschichten und überzeugenden Protagonist:innen steige. Allerdings habe der Skandal um „Lovemobil“ gezeigt, wo es Grenzen der Inszenierung geben sollte. Der investigative Dokumentarfilm mache frühzeitig auf Missstände aufmerksam. „Es gibt keine medienfreien Räume“, sagte Marc Grün. Deshalb forderte er ein kritisches Publikum, das die Quelle im Blick hat und gelernt hat, Informationen in einen Kontext zu stellen. Das erfordere eine neue Kompetenz der Mediennutzung.

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Impulse kamen u.a. von Julia Kaltenbacher (Referentin Medienbildungsangebote, SWR), Dr. Gabriela Sperl (Produzentin, Dramaturgin und Drehbuchautorin) und Marc Grün (MWK BW). Sie verwiesen auf den hohen Stellenwert des sauber recherchierten Dokumentarfilms, forderten mehr Medienkompetenz ein und plädierten für mehr Mut. (Fotos: Günther Ahner/HDF)

Risiko der Aufdeckung von Skandalen

Dies zeigte sich bei den zahlreichen Fallstudien investigativer Dokumentarfilme, die bei DOKVILLE am 23. und 24. Juni 2022 präsentiert wurden. Oft sind es gar nicht die bekannten Whistleblower, die Details zu Skandalen liefern, sondern intensive Recherchen und Aktenstudien. Das Risiko ist immer, dass sich ein Verdacht nicht bestätigt und dann Monate oder sogar Jahre lang umsonst gearbeitet wurde. Deshalb haben sich inzwischen Medien aus verschiedenen Bereichen zu Recherche-Netzwerken zusammengetan, um dieses Risiko zu minimieren und den Skandal mit möglichst breiter Datenlage zu veröffentlichen. Da der absolute Quellenschutz gilt, werden Aussagen von Informant:innen oft nachgespielt und verpixelt. Es gibt nur wenige Mutige wie Karsten vom Bruch, der als Ingenieur bei Bosch die Zivilcourage hatte, die Hintergründe der Schummelsoftware bei VW vor der Kamera zu erläutern. Es hat ihn seinen Job gekostet.

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Das DOKVILLE Gesamtprogramm kuratierte Astrid Beyer, die beim Branchentreff vom Haus des Dokumentarfilms unter anderem einen Talk mit Ehrengast Daniel Harrich moderierte. (Fotos: Günther Ahner/HDF)

In Deutschland gilt hoher Persönlichkeitsschutz

Das nicht jeder erhobene Vorwurf stimmen muss, darauf wies der Medienjurist Oliver Castendyk hin. Die Informationen müsse man wasserdicht überprüfen, denn inzwischen gebe es natürlich auch gefälschte Fakten. Auf verschiedenen Panels wurde angesprochen, dass das Persönlichkeitsrecht in Deutschland sehr hoch angesetzt sei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern oder den USA. Bei internationalen Koproduktionen müsse man darauf achten, was in Deutschland möglich ist. Ein juristisches Risiko gibt es immer, und sei es, dass die Klage dazu genutzt wird, das Team einzuschüchtern. Produktionen müssen darauf vorbereitet sein und auch finanzielle Reserven für solche Gerichtsverfahren haben. Denn eine einstweilige Verfügung gegen die Ausstrahlung kann die Arbeit des ganzen Teams gefährden.

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DOKVILLE 2022 fand als Präsenzveranstaltung im Hospitalhof Stuttgart statt. Gäste, die nicht anreisen konnten, konnten den Livestream verfolgen bzw. wurden wie Hasnain Kazim in Panels digital zugeschaltet. (Foto: Günther Ahner/HDF)

Tödliches Risiko

Investigativ arbeitende Journalist:innen sind aber auch ganz direkt bedroht, wie Matt Sarnecki in seinem Dokumentarfilm „The Killing of a Journalist“ zeigt. Es geht um den slowakischen Journalisten Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová, die 2018 brutal ermordet wurden. Sie waren einem Bestechungsskandal auf der Spur, in den hochrangige Politiker und die Polizei verwickelt waren. Auch dem jungen Regisseur Franz Böhm war diese Gefahr bewusst, als er für seinen mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm „Dear Future Children“ unter anderem plante, die Proteste in Hongkong zu filmen. Vor Drehbeginn fragte er bei deutschen Sicherheitsbehörden nach, ob sie die Produktion schützen könnten. Nach mehreren Monaten rieten diese von den geplanten Dreharbeiten ab.

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Regionale Kompetenz traf auf internationale Branchenvertreter:innen: Es diskutierten zu verschiedenen Themen u. a. Matt Sarnecki „The Killing of a Journalist“, Ümit Uludağ von Corso Film und Susanne Binninger (Regisseurin „Auf der Spur des Geldes“). (Fotos: Günther Ahner/HDF)

Digitale Absicherung ist möglich

Unterstützung fand er schließlich bei einer Forschungsgruppe der Harvard Universität, der es in kurzer Zeit gelungen ist, das Projekt zu schützen. Durch eine Falle konnten sie sogar nachweisen, wer einen präparierten Server von China aus gehackt hat und verfolgen, wer diese Information nutzte. Das chinesische Ministerium wurde vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt. In Zukunft soll diese Infrastruktur auch anderen Filmschaffenden nutzen. Für seinen neuen Film über den Whistleblower, der die Informationen über die chinesischen Straflager geliefert hat, wählt Franz Böhm aber doch die Form des Spielfilms: „Dies ist für alle ungefährlicher“. Die Flucht in die Fiktion ist immer eine Option.

Weiterführende Informationen und Replays der Panels

Auf dokville.de gibt es ausführliche Berichte zu einzelnen Panels und Case Studies. Die Artikelliste wird fortlaufend erweitert. 

Im Gespräch mit Daniel Harrich

Investigation, Fakes und juristische Risiken mit den Panels zu „Auf der Spur des Geldes“, „Hinter den Schlagzeilen“ und dem Fake Finder „Digger“

Insider und Filmeschaffende als Zielscheibe mit den Panels zu „#Dieselgate“, „The Killing Of A Journalist“ und „Dear Future Children“

AngeDOKt: Brauchen wir mehr Dokumentarische Games?

→ Katharina Thoms moderierte das Panel zu „Pressefreiheit in Not"

→ Case Studies: Doku-Serien „Sie musste sterben” und „Reeperbahn Special Unit 65” 

→ Jens Best stellt die Initiative Wiki DOK vor

Akkreditierte Gäste können zudem nach dem Login in „mein DOKVILLE“ Inhalte in Form von Replays noch einmal anschauen. Die Videos sind bis Ende Juli 2022 online. 

(Kay Hoffmann)

Tags: dokville, doknews

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