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Deutscher Dokumentarfilmpreis 2022: die Gewinner

Am 24. Juni fand die festliche Preisverleihung des Deutschen Dokumentarfilmpreises in Stuttgart statt. Der geteilte Hauptpreis geht an Maria Speths „Herr Bachmann und seine Klasse“ und Franz Böhms „Dear Future Children“. Böhm erhält zudem den Publikumspreis.

Deutscher Dokumentarfilmpreis Trophaee by SWR web

Der Deutsche Dokumentarfilmpreis gehört zu den renommiertesten Auszeichnungen für Filmschaffende in der Doku-Branche. Der mit 20.000 € dotierte Hauptpreis wird vom Südwestrundfunk (SWR) und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) hälftig gestiftet. Die Hauptjury unter dem Vorsitz von Film- und Fernsehproduzentin Prof. Regina Ziegler hat sich 2022 dazu entschieden, Preis und Preisgeld zu teilen.

Deutscher Dokumentarfilmpreis für „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth

Die dokumentarische Langzeitbeobachtung „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth beeindruckt seit ihrer Premiere im Internationalen Wettbewerb der 71. Berlinale 2021 gleichermaßen Kritik wie Publikum. Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Silbernen Bären (Preis der Jury) bei der Berlinale und dem Deutschen Filmpreis 2021 als bester Dokumentarfilm.

Sensibel und authentisch porträtiert Speth darin die Beziehung zwischen einem Lehrer und den Schüler:innen der 6. Jahrgangsstufe. Über die 217 Minuten Laufzeit hinweg taucht man immer mehr in die sozialen Beziehungen zwischen den Jugendlichen und dem Lehrer ein. Zudem erfährt man im besten Wortsinn beiläufig etwas über das durch Migrationsgeschichte geprägte Leben der multikulturellen Klasse in einer kleinen, westdeutschen Industriestadt.

„Herr Bachmann und seine Klasse“: Deutschland – 2021 – 217 Minuten; Regie: Maria Speth; Buch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider; Kamera: Reinhold Vorschneider; Montage: Maria Speth; Produktion: Madonnen Film GmbH; Filmförderung: Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Filmförderungsanstalt (FFA), HessenFilm und Medien GmbH.

Die Jury des Deutschen Dokumentarfilmpreises begründet ihre Entscheidung wie folgt: „An die 200 Stunden Material aus mehreren Monaten hat die Regisseurin so zusammengefügt, dass ein Spannungsbogen erzeugt wird, der den Zuschauer über mehr als dreieinhalb Stunden nicht nur fesselt, sondern immer stärker in seinen Bann zieht. Ohne Off-Kommentar, ohne Abschweifungen, einfach durch Hinschauen und Zuhören. Das Kamerateam ist offenbar so nahtlos in die Klasse integriert, dass nie der Eindruck entsteht, hier werde vor der Kamera oder für die Kamera gespielt.“

Hauptpreis und Publikumspreis für „Dear Future Children“ von Franz Böhm

20210223 FranzBohm 3677 c Greg Funnell webJunger Filmemacher dreht zu jungem Aktivismus. Und wie! „Dear Future Children“ von Franz Böhm ist ein filmisch, technisch und inhaltlich bärenstarkes Stück, das nicht nur in unserer Reihe DOK Premiere vom Haus des Dokumentarfilms gleichermaßen für Begeisterung wie Betroffenheit bei den Zuschauer:innen sorgte. Der ursprünglich aus Gerlingen stammende Filmemacher und sein Team begleiten darin drei Frauen, die sich in Chile, Uganda und Hongkong für eine bessere Zukunft einsetzen. Sie kämpfen für den Erhalt der Umwelt, mehr soziale Gerechtigkeit, eine demokratische Grundordnung – und das alles unter Einsatz ihrer Freiheit und Gesundheit.

Die Jury: „Der großartige Film ‚Dear Future Children‘ gibt einer Generation Gesichter und Stimmen. All ihre Wut, Energie und ihren Einfallsreichtum fangen der junge Filmemacher Franz Böhm und sein Kameramann Friedemann Leis auf eine so beeindruckende Weise ein, dass sie uns zu Zeugen all der Wünsche, Hoffnungen und Ängste dieser besonderen jungen Menschen machen.“

Auch die Zuschauer:innen-Jury der SWR Landesschau ist überzeugt und vergibt den mit 3.000 Euro dotierten Publikumspreis, gestiftet von der Landesanstalt für Kommunikation und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, an Franz Böhm. „Dear Future Children“ lobt sie als „wahrhaftig Kino in Form von politischer Inspiration.“ „Dear Future Children“: Deutschland – 2021 – 90 Minuten; Buch und Regie: Franz Böhm; Kamera: Friedemann Leis; Montage: Daniela Schramm Moura; Produktion: Schubert Film, Nightrunner Productions; Koproduktion: Lowkey Films, Übergrafisch; Filmförderung: Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg mbH.

Franz Böhm war gerade gemeinsam mit Matt Sarnecki („The Killing Of A Journalist) beim Branchentreff DOKVILLE zu Gast, wo er über investigatives Arbeiten sowie den Aufbau von Netzwerken und Schutzmechanismen für gleichermaßen Filmemacher:innen, Protagonist:innen und Informant:innen gesprochen hat. Ein ausführlicher Artikel dazu folgt. 

Förderpreis vom Haus des Dokumentarfilms für Antonia Kilians „The Other Side Of The River“

Neben dem Hauptpreis werden beim Deutschen Dokumentarfilmpreis noch weitere Preise, darunter der mit 3.000 € dotierte Förderpreis vom Haus des Dokumentarfilms vergeben. Prämiert wird damit ein Erstlingswerk und Abschlussfilm von Filmhochschulen oder der erste lange Dokumentarfilm nach dem Hochschulabschluss – dieses Mal Antonia Kilians „The Other Side Of The River“, den das Haus des Dokumentarfilms im Februar auch in der Reihe DOK Premiere präsentiert hat. Antonia Kilian begleitet in ihrem Kinodebüt die 19-jährige Hala in Nordsyrien mit „starken beobachtenden Bilder, die in Perfektion zu einer bewegenden Geschichte komponiert sind.“ (Jurybegründung). Auf der Flucht vor einer arrangierten Ehe überquert Hala den Euphrat und findet Schutz und Gemeinschaft in einer bewaffneten kurdischen Frauenbewegung – „eine der radikalsten Frauenbewegungen der Welt“, so Kilian.

„Der Film ist Antonias erstes Langprojekt nach dem Studium an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg. Zu seinen Stärken gehört neben einer großartigen Kamera, dass die Regisseurin weder die Situation im Krisengebiet didaktisch einordnet noch das bisweilen verstörende Verhalten ihrer Protagonistin zu kommentieren versucht“, sagt Ulrike Becker, Geschäftsführerin vom Haus des Dokumentarfilms. Vierzehn Monate lebte Antonia Kilian für die Aufnahmen in Nordsyrien und dreht u. a. an einer Militärakademie. Sie erklärt: „Ich habe versucht einen Film zu machen, der offen bleibt und all die Fragen mittransportiert, die ich auch selbst während der ganzen Zeit mit mir getragen habe.“ Am Abend der Preisverleihung war Kilian aus gutem Grund nicht vor Ort in Stuttgart, da sie zeitgleich in Berlin mit dem Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm (LOLA) ausgezeichnet wurde. Auch hierzu: Herzlichen Glückwunsch!

„The Other Side of the River“: Deutschland – 2021 – 73 Minuten; Regie: Antonia Kilian; Buch: Antonia Kilian, Gurvara Namer, Arash Asadi; Kamera: Antonia Kilian; Montage: Arash Asadi; Produktion: Doppelplusultra Filmproduktion GmbH, Pink Shadow Films; Koproduktion: Greenlit Productions Oy; Filmförderung: Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Filmförderung Hamburg, Schleswig-Holstein, Hessenfilm und Medien, Finnish Film Foundation, Gucci Tribeca Documentary Fund, AVEK and in Kooperation mit YLE.

Weitere Preise

Der Preis der Norbert Daldrop Förderung für Kunst und Kultur geht an „Auslegung der Wirklichkeit – Georg Stefan Troller“ von Ruth Rieser. Troller wurde im vergangenen Jahr mit dem Ehrenpreis fürs Lebenswerk ausgezeichnet.

„Auslegung der Wirklichkeit – Georg Stefan Troller “: Österreich – 2021 – 121 Minuten; Buch und Regie: Ruth Rieser; Kamera: Volker Gläser; Montage: Karin Hammer; Produktion: RR* Filmproduktion; Koproduktion: ORF; Filmförderung: Österreichisches Filminstitut, Zukunftsfonds der Republik Österreich, Stadt Wien Kultur, Land Kärnten Kultur, Nationalfonds der Republik Österreich.

Die Jury sagt über Regisseurin Ruth Rieser und ihren Film: „So wie Georg Stefan Troller früher mit seinen Fragen direkt in die Kernzone seiner Protagonisten eingedrungen ist, so rückt er in Ruth Riesers Film mit Charme und selbstironischer Liebenswürdigkeit nah an uns heran und stellt scheinbar beiläufig die Frage: Und Du, was hast du mit deinem Herzen gemacht?“

→ Besprechung von „Auslegung der Wirklichkeit – Georg Stefan Troller“ bei dokumentarfilm.info

Der vom SWR Doku Festival und der MFG ausgelobte Ehrenpreis geht an Werner Herzog. Wim Wenders überreichte ihn mit den Worten: „Ich gebe dir diesen schönen Preis und freue mich, dass ich der Bote sein darf […] Deine dokumentarischeren Filme hatten viele fiktive Elemente und Deine fiktiven Filme hatten aberwitzige dokumentarische Aspekte – Du hast eigentlich alle Grenzen zwischen diesen Genres zertrümmert und hast mit beiden Elementen Berge versetzt. Du bist für mich ein ,Brother in Arms‘“.

→ Würdigung von Werner Herzogs Oeuvre bei dokumentarfilm.info

Der durch eine Sonderjury (Campino, Fola Dada, Rainer Homburg) entschiedene Musikpreis des SWR geht an „A Symphony Of Noise - Matthew Herbert‘s Revolution“ von Enrique Sánchez Lansch. Der Dokumentarfilm taucht ein in die Klangwelten des britischen Musikers und Klangforschers Matthew Herbert, der die Grenzen zwischen Klassik und elektronischer Musik sprengt. Der Musikpreis ist mit 5.000 € dotiert. Auszug aus der Jury-Begründung: „Manchmal scheinen die Wege Herberts konstruiert und die Werkzeuge, mit denen am Ende ,Musik‘ gemacht wird, sind wohlbekannt. Doch das Werk eines klugen Künstlers mit ganzheitlichem Blick auf Gesellschaft, auf die Welt und Natur und das für den Zuschauer daraus resultierende neue Lauschen auf unsere eigentlich doch so lebendige Klangwelt, bleiben lange wach und eröffnen uns müde gehörten Menschen ein Spielfeld.

„A Symphony Of Noise – Matthew Herbert‘s Revolution“: Deutschland - 2021 - 96 Minuten; Buch und Regie: Enrique Sánchez Lansch; Kamera: Thilo Schmidt, Anne Misselwitz; Montage: Andrew Bird; Sound Design: Pascal Capitolin; Produktion: Kloos & Co. Medien GmbH; Filmförderung: Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, FFA Filmförderungsanstalt, Creative Europe Programm MEDIA der Europäischen Union.

(Elisa Reznicek)

Tags: doknews

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