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So war die DOK Premiere von "Bettina"

Das Filmgespräch zu „Bettina“ mit dem Regisseur Lutz Pehnert fand erstmals via Zoom statt, da er wegen Dreharbeiten leider nicht zur DOK Premiere nach Stuttgart (14.6.) und Ludwigsburg (15.6.) kommen konnte. Fazit des Abends: Bettina Wegners Lieder treffen den Zeitgeist; damals genauso wie heute.

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Bettina Wegner: Zeugin ihrer Zeit

Der Filmemacher Lutz Pehnert und die Liedermacherin Bettina Wegner kennen sich seit ihrer Zusammenarbeit für die RBB-Reihe „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt“. Dort berichtete sie von ihren Erlebnissen der Jahre 1968 und 1978. Aus dieser Begegnung entstand die Idee, einen Film über ihr Leben zu machen. Pehnert berichtete: „Sie musste auch nicht lange überredet werden. Ich habe ihr eine Konzeption für diesen Film vorgelegt, die schon diese Gebote als Kapitel für den Film beinhalteten. Sie war zwar etwas misstrauisch aber hat gesagt: Ja, lass es uns versuchen."


Vertrauen und Rauchen als Grundvoraussetzung

Es ist schwer, die Protagonistin im Laufe des Films nicht lieb zu gewinnen. Goggo Gensch, der Moderator im Delphi Arthaus Kino bewundert die Offenherzigkeit, mit der sie sich in diesem Film zeigt. Lutz Pehnert lernte während der Dreharbeiten verschiedene Seiten Bettina Wegners kennen: „Sie kann beides: Vertrauensvoll sein aber auch ablehnend, wenn der Mensch ihr nicht ganz geheuer ist. Da kann sie auch sehr rigoros sein. Vertrauen ist natürlich die Grundvoraussetzung für den Film. Und wir sind beide Raucher. Da geht man dann ein paar Mal zusammen vor die Tür und der Rest ist Geschichte.“ Dementsprechend großzügig war sie Pehnert gegenüber beispielsweise bezüglich ihrer privaten Fotoaufnahmen.


Pehnert vermied es zudem, bereits während des Drehs mit einer Schere im Kopf zu arbeiten: „Sie sollte erstmal alles erzählen. Hinterher haben wir dann geschaut, ob etwas nicht in Ordnung ist. Das trifft beispielsweise auf diese Stelle mit der Gläubigkeit zu. Da war sie unsicher, ob sie das in dem Film erzählt haben will. Wir haben es letztendlich so erzählt, dass sie es angenommen hat. Als sie den Film dann zum ersten Mal gesehen hatte, gab sie mir einen Kuss auf die Wange.“

 

Intime Interviewsituation

In dem filmischen Portrait verzichtet Lutz Pehnert auf die Kommentare anderer, vielmehr vertraut er ganz auf Bettina Wegners Selbsteinschätzung. „Weil wenn Leute über Leute reden, die sie wirklich gut kennen, kann es leicht in einer Lobhudelei enden“, so die Sorge des Regisseurs. Bei besonders wichtigen Personen für Bettina Wegners Biografie wie beispielsweise deren ehemalige Lebenspartner Thomas Brasch oder Klaus Schlesinger, hätte Pehnert sich zwar durchaus Interviews vorstellen können, doch sind diese schon verstorben. So beschloss er schon früh im Planungsprozess: „Ich mach‘s nur über Bettina.“


Die an zwei Tagen auf dem heimischen Sofa in Schwarz-Weiß gedrehten Interviews mit Bettina Wegner unterstreichen diesen Entschluss auf visueller Ebene. Ähnliche Bestrebungen stehen hinter der Tatsache, dass der Film im Bildverhältnis 4:3 gedreht wurde. „Wenn man 16:9 dreht und Bettina dann auf das Sofa setzt merkt man: rechts und links passiert nichts. Wenn man auf 4:3 geht und das Bild dadurch verengt, ist man wieder dichter bei ihr. Wir sind konsequent dabei geblieben, zudem es zu den Formaten des Archivmaterials passt“, so Pehnert.

 

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 Lutz Pehnert wurde über Zoom zugeschaltet © Günther Ahner

 

Ihre Musik als Abdruck ihrer Biografie

Dem Regisseur war klar, dass er nicht einfach bei Bettina Wegner als Politsängerin oder Dissidentin beginnen kann. Die Klammer des Films bildet darum tanzendes Jungvolk im Berliner Mauerpark, das sich eigentlich zu einer ganz anderen Musik bewegt. Darüber legt Pehnert im Film Musik von Bettina Wegner: Der Effekt erzielt eine große Wirkung, denn ihre Interpretation des volkstümlichen Liebeslieds „Wenn ich ein Vöglein wär“ wirkt an dieser Stelle keineswegs fehl am Platz. Ziel dieser Kontrastierung besteht darin, das Gewesene mit dem Jetzt zu synchronisieren. „Dieses Traditionelle ergreift uns bis heute. Bettina lässt jedoch alles Altbackene hinter sich. Sie hat das Lied zu einem wunderschönen Liebeslied voll unerfüllter Sehnsucht gemacht und das fand ich gut. Ich wollte damit in den Film einsteigen, was sie ursprünglich immer gewollt hat: nämlich Liebeslieder singen.“


Am Anfang der Recherchearbeit hörte Pehnert sich in den Gesamtkorpus der Künstlerin hinein. Um eine zu starke Talking-Head-Lastigkeit zu vermeiden, sollten ihre Lieder mindestens die Hälfte des Films ausmachen, wenn nicht mehr. Er stellte sich die Frage: „Welchen Bestand haben diese Lieder heute noch? Sind sie nur etwas aus einer Zeit der 1970er und 1980er Jahre und Ausdruck eines Gutmenschentums und der Friedensbewegung oder haben sie auch noch einen heutigen Wert und Bestand? Das war auch die Prüfung in diesem Film.“


Entwurzelung einer Sozialistin

1968 protestierte Bettina Wegner als 21-Jährige mit selbst geschriebenen Flugblättern gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Daraufhin wurde sie verhaftet, exmatrikuliert und in die Produktion geschickt. Ein Tonbandmitschnitt ihrer Vernehmung während des Prozesses zeigt die ganze Absurdität der Denkweise der DDR-Regierung. Für den ebenfalls in der DDR aufgewachsenen Lutz Pehnert ähnelt das Verfahren „einer Erziehungsmaßnahme. Es ist perfider als der eigentliche Gerichtsprozess. Man will die Kinder des Landes nicht in den Knast schicken, sondern sie auf Linie bringen.“ Dabei war Wegner als Kind eine glühende Stalinverehrerin und als junge Erwachsene eine überzeugte Sozialistin, wenngleich eine kritische. „Dann kam Prag `68 aber es war ein anderes Verhältnis zu dem, wie man eine neue Gesellschaft einrichten kann. Es war nicht mehr die Erzählung oder das Dogma der Väter und Mütter. Dadurch gerieten sie aneinander.“

 

1983 musste sie die DDR endgültig verlassen; seither lebt sie in Westberlin. Laut Pehnert ist sie „auf keinen Fall nostalgisch oder ostalgisch“, aber das Gefühl von Heimat sollte sie niemals wieder an einem anderen Ort finden, denn „das hatte sie in ihrer Jugendzeit und mit der Kulturszene Ostberlins in der DDR erlebt. Dort hatte sie Wurzeln geschlagen und ist gewachsen. Und wenn das abgeschnitten wird, dann kann man nicht einfach wieder irgendwo hin verpflanzen. Wenn man sie zum Beispiel nach Dresden geschickt hätte, hätte sie sich dort wahrscheinlich ebenso entwurzelt gefühlt.“

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Publikumsunterschiede in der Bundesrepublik

Laut Verleih läuft der Film in den neuen Bundesländern besonders gut und ein Grund dafür könne sein, dass das Lebensgefühl der DDR in all seiner Widersprüchlichkeit im Film abgebildet ist. So sah es ein Zuschauer mit Osthintergrund. Im Westen Deutschlands gibt es scheinbar dringenden Nachholbedarf bezüglich Bettina Wegners; ihrer zahlreichen Auftritte in der BRD in den 1980er Jahren zum Trotz. Eine Zuschauerin aus dem Stuttgarter Publikum erklärte, sie habe die Liedermacherin lange nicht gekannt und hätte sich dann sehr geschämt, als ich im Westdeutschen Rundfunk eine Radiosendung über diese beeindruckende Frau gehört habe: „Da war ich richtig beglückt, dass es nun einen Film über sie gibt“.


In Lutz Pehnerts nächstem Projekt geht es ebenfalls um das Thema Heimat. In der Lausitz in Polen fielen ganze Dörfer dem Tagebau zum Opfer; trotzdem fühlen sich die Menschen der Region noch bis heute mit diesen Dörfern verbunden. Pehnert will diesem Gefühl auf die Spur kommen.


(Maggie Schnaudt)

 

Die DOK Premiere ist eine vom Haus des Dokumentarfilms kuratierte Filmreihe. Sie präsentiert einmal im Monat in Ludwigsburg und Stuttgart aktuelle Kinostarts von Dokumentarfilmen. Die jeweiligen Regisseur:innen sind für Werkstattgespräche mit dem Publikum vor Ort. Kuratoren sind Goggo Gensch (Stuttgart) und Kay Hoffmann (Ludwigsburg).

Lutz Pehnerts "Bettina" (Salzgeber) war am 14. Juni 2022 im Arthaus Kino Delphi und am 15. Juni 2022 im Caligari Kino Ludwigsburg zu sehen.

 

Tags: DOKPremiere, Veranstaltung

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