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Koblenzer Folter-Urteil: Meilenstein im Völkerrecht

In Koblenz ist am 13.1.2022 das Urteil im Prozess gegen Angehörige des Assad-Regimes gefallen. Auch der Dokumentarfilmer Feras Fayyad war Zeuge und Nebenkläger. In seinem neuen Film „Im Kleinformat“ erzählt er von seiner eigenen Folterhaft.

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Filmstill aus „Im Kleinformat“: Feras Fayyad und Anwalt Anwar Albuni © Ma.Ja.De. Filmproduktion

Lebenslange Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Am Oberlandesgericht Koblenz ist am 13. Januar 2022 das richtungsweisende Urteil im weltweit ersten Prozess gegen Angehörige des syrischen Foltersystems gefallen. Anwar Raslan, früherer Geheimdienstoberst, wurde Mord in 27 Fällen, Folter und schwerer Freiheitsberaubung in mindestens 4000 Fällen und weiterer Verbrechen schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Verteidigung hat Revision beim Bundesgerichtshof angekündigt.

International beachtetes Verfahren zu syrischer Staatsfolter

Die Taten sollen im berüchtigten Gefängnis Al-Khatib im Zentrum von Damaskus als Teil des „ausgedehnten und systematischen Angriffs auf die Zivilbevölkerung“ (Anklage) durch das Assad-Regime begangen worden sein. Das Urteil markiert das Ende eines fast zwei Jahre langen Prozesses, in dem gut 80 Zeugen und Sachverständige vernommen wurden. Unter ihnen auch Feras Fayyad, der in Dokumentarfilmen wie „Klinik im Untergrund – The Cave“ und „Last Men In Aleppo – Die letzten Männer von Aleppo“ immer wieder die Auswirkungen des Krieges in Syrien, seinem Heimatland, thematisiert hat.

Zur juristischen Aufarbeitung kommt die filmische

Der mittlerweile in Deutschland ansässige Filmemacher verarbeitet in seinem neuen Werk „Im Kleinformat“ (Produktionsende noch offen) die traumatisierenden Erlebnisse, die er selbst gemacht hat. Für die Koproduktion mit Arte und der ARD ist Dr. Gudrun Hanke-El Ghomri vom SWR zuständig. Lange habe sich Fayyad nach eigener Aussage gescheut, seine persönliche Geschichte zu erzählen – selbst im engsten Kreis, wie er im Werkstattgespräch mit Frank Rother für das Haus des Dokumentarfilms betont. „Die brutalen Dinge wollte ich meiner Familie nicht zumuten.“

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Filmstills aus „Im Kleinformat“ © Ma.Ja.De. Filmproduktion

Als er in Syrien 2011 die Gewalt von Assads Sicherheitskräften gegen friedliche Demonstrierende filmt, wird auch er mehrfach verhaftet und schließlich ins Al-Khatib Gefängnis überstellt. Dort habe sich das Grauen schon bei der Ankunft offenbart. „Das waren Schreie, die waren nicht normal“, zitiert die TAZ seine Aussage vor Gericht. „Ich hatte große Angst.“ Die Haftbedingungen und Folterungen hinterlassen bei dem Filmemacher tiefe körperliche und seelische Wunden, doch sie brechen ihn nicht. „Vielleicht kann mein Film etwas bewegen“, verleiht Fayyad im HDF-Interview seiner Hoffnung Ausdruck. Für das Gespräch, das anlässlich des Branchentreffs DOKVILLE 2021 entstanden ist, traf Frank Rother Fayyad in Berlin und sprach mit ihm über den Beginn der Dreharbeiten zu „Im Kleinformat“.

(Elisa Reznicek)


Zu den Hintergründen:

OLG Koblenz: Lebenslang wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (SWR Aktuell, 13.1.2022)

Staatsfolter in Syrien: Der Al-Khatib-Prozess (Deutsche Welle, Stand 12.1.2022)

Staatsfolter in Syrien: Lebenslange Haft (ZDF heute, 13.1.2022)

Prozess zu Kriegsverbrechen in Syrien: „Schreie, die waren nicht normal“ (TAZ, 3.6.2020)

Das Al-Khatib-Verfahren in Koblenz. Eine Dokumentation. (ECCHR, PDF, abgerufen am 19.1.2022)

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