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Als die Amerikaner in die Pfalz kamen: „Ein Hauch von Amerika“

Im Studio Kaiserslautern hat der SWR am 16. November 2021 die Miniserie „Ein Hauch von Amerika“ (Regie: Dror Zahavi) und die gleichnamige Doku von Sigrid Faltin vorgestellt. Ausstrahlung ist ab 1. Dezember in der ARD (ab 24. November in der Mediathek). 

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Ein denkwürdiger Abend in „K‘Town“, um filmisch an die Umbrüche Anfang der 1950er Jahre in der Westpfalz zu erinnern.

American Way of Life in der Hawaii Bar

Nirgendwo in Deutschland nahmen die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen nach dem offiziellen Ende der Besatzungszeit solch eine rasante Entwicklung wie in dieser ländlich geprägten Region. Zehntausende US-amerikanischer Soldaten machten aus kleinen Orten wie Baumholder fast über Nacht mittelgroße Städte. Sie brachten Dollars, Cadillacs, Musik und ein völlig neues Lebensgefühl in die Pfalz. Die US-Amerikaner bauten Kliniken, Supermärkte und ganze Garnisonsstädte.

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EIN HAUCH VON AMERIKA Folge 2 „Frei sein“: In der Hawaii-Bar lässt Marie (Elisa Schlott) sich von George (Reomy D. Mpeho) zum Tanz überreden. Linkerhand: ein Archivbild von 1956.

Abends suchten sie in den vielen umbenannten Bars und Clubs der Region Unterhaltung, Spaß und Amüsement. Dies war der Kirche und den konservativen Kräften ein Dorn im Auge. Einige Landkreise riefen damals sogar den sittlichen Notstand aus, denn manche Bars waren verkappte Bordelle, und im „Dollarwäldchen“ wurden nicht nur Küsse ausgetauscht. Die Amerikaner brachten jede Menge Arbeitsplätze und das Wirtschaftswunder mit nach Ramstein, Landstuhl und Kusel. Es kamen aber nicht nur weiße G.I.s, sondern auch massenhaft schwarze Soldaten, zum Teil direkt aus dem Korea-Krieg.

„Ein Hauch von Amerika“ in Kaltenstein, Germany

Der Schauspieler Reomy D. Mpeho hat die fiktionale Miniserie „Ein Hauch von Amerika“ zusammen mit Philippe Brenninkmeyer in der Kaiserslauterer Preview vorgestellt. Mpeho ist der charismatische Hauptdarsteller in „Ein Hauch von Amerika“. Er spielt die Rolle des schwarzen G.I. George, der sich in dem fiktiven Ort Kaltenstein in die Bauerstochter Marie (Elisa Schlott) verliebt. Damit er mit ihr kommunizieren kann, lernt er Deutsch, so wie sie ihrerseits Englisch lernt. Um ihre wegen einer Zwangsenteignung in Bedrängnis gekommene Familie finanziell zu unterstützen, arbeitet Marie als Hausangestellte im Haus des von Philippe Brenninkmeyer verkörperten weißen US-Colonels.

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Schauspieler Reomy D. Mpeho stellt die fiktionale Serie im SWR Studio Kaiserslautern vor 

Im von SWR-Journalisten Jürgen Rademacher moderierten Filmgespräch, machte Regisseur Dror Zahavi klar, dass die Serie eine völlig neue Perspektive auf die fünfziger Jahre wirft. „Ein Hauch von Amerika“ erzählt, wie die deutsch-amerikanische Freundschaft ein neues Lebensgefühl in Deutschland entstehen lässt. Die Durchdringung der Welten bildet die Serie auch sprachlich ab. Allerdings müssen Marie und George ihre wachsende Liebe in Kaltenstein verstecken. Denn die Liebe zwischen einer Weißen und einem schwarzen G.I. ist damals in Deutschland noch etwas völlig Neues.

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Fiktion trifft Wirklichkeit: „Ein Hauch von Amerika“ (links) erzählt von der Stationierung US-amerikanischer Soldaten im Deutschland der 1950er Jahre (Archivbild rechts)

Ein Hauch von Freiheit

Dabei erleben schwarze G.I.s wie George während ihrer Stationierung in Deutschland zunächst eine völlig neue Freiheit, denn in den fünfziger Jahren ist in den USA die Rassentrennung für Schwarze eine bis in die kleinsten Lebensdetails spürbare Realität. Eine Liebesbeziehung zu einer Weißen wäre in den meisten US-Staaten illegal und würde langjährige Haftstrafen nach sich ziehen. 

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Vom Gefühl der Freiheit, aber auch von Stigmatisierungen und Rassismus, handeln Serie und Doku

Von diesem bemerkenswerten Umstand, dem gefühlten „Hauch von Freiheit“, wie ihn der spätere US-Außenminister Colin Powell während seiner Stationierung in Deutschland verspürt hat, berichtete die Professorin Maria Höhn in der zweiten Gesprächsrunde des Abends. Die gebürtige Pfälzerin forscht seit Jahrzehnten am Vassar College bei New York über die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Sie hat an „Ein Hauch von Amerika“ als Fachberaterin mitgewirkt und ist gewissermaßen die „Anchor Woman“ in Sigrid Faltins Doku.

Erfahrungen des Rassismus

Sigrid Faltin, die selbst über die Auswanderung von Pfälzern in die USA promoviert hat, legt den Schwerpunkt ihrer Doku auf die Beziehungen von Pfälzer Frauen zu amerikanischen Soldaten. Ihre Protagonistinnen heißen Ruth, Rosmarie, Ingrid – und sie haben sich in G.I.s verliebt. Rosmarie Hawner wurde beispielsweise von der Lässigkeit und der Ausstrahlung des schwarzen G.I. Samuel angezogen. Mit ihm hat sie ein gemeinsames Kind, Raymond, obwohl sie den Vater nicht heiratet. Elvis Presley, der selbst in Deutschland stationiert war und Songs wie „G. I. Blues“ („The Fräuleins are pretty …“) einspielte, rahmt Faltins Doku.

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Sigrid Faltin hat für ihre Doku mit Zeitzeug:innen und deren Nachkommen gesprochen 

Faltin fiel es nach eigener Aussage nicht leicht, Frauen zu finden, die bereit waren, über ihre Erfahrungen vor der Kamera zu berichten. Zu groß müssen die Stigmatisierungen und die Wunden sein, die ihnen damals durch die eigenen Familienangehörigen und die Gesellschaft zugefügt wurden. So ist Faltin auch besonders stolz auf „ihre“ Pfälzerinnen, die sich ihr in der Dokumentation anvertraut haben.

„Ein Hauch von Amerika“: Preview mit Gesprächsrunde

Mehrere Zeitzeuginnen kamen zur Preview in Kaiserlautern. Den Mut, auf die Bühne zu gehen, hatte Rosmaries Sohn Raymond. Im Filmgespräch berichtet er von den Erfahrungen, von klein auf in der Schule mit dem N-Wort gehänselt worden zu sein. In seiner Zeit in der Bundeswehr sollte er dann als Ausbilder mit seinem Zug das Lied „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ singen. Er weigert sich. Im Gespräch strahlt er eine große Kraft aus, weil er sich durch diese rassistischen Angriffe nicht beugen ließ.

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Dokumentarfilmerin Sigrid Faltin, in der roten Jacke, mit zwei ihrer Protagonisten

Von dieser Kraft erzählt auch George Marie in einer Liebesnacht in der fiktionalen Serie „Ein Hauch von Amerika“: „A man can’t ride your back unless it‘s bent“. Nur auf einem krummen Rücken können sie reiten. Der Rassismus, von dem die historische Serie „Ein Hauch von Amerika“ und die gleichnamige Doku erzählen, ist leider bis heute aktuell. Darauf weist auch eine Tafel zu Beginn der Serie hin.

(Manfred Hattendorf)


„Ein Hauch von Amerika“ ist eine Koproduktion von SWR, ARD Degeto, WDR und NDR mit der FFP New Media. Die Redaktion liegt bei Claudia Gerlach-Benz, Manfred Hattendorf (SWR), Carolin Haasis (Degeto), Götz Bolten (WDR), Sabine Holtgreve (NDR). Die Redaktion der SWR-Produktion „Ein Hauch von Amerika – Die Doku“ liegt bei Susanne Gebhardt und Mark Willock (SWR).

Die Filme stehen ab dem 24.11.2021 in der ARD Mediathek zur Verfügung. Sie werden am 1.12., 4.12. und am 8.12.2021 jeweils um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Die Doku folgt am 8.12.2021 um 21.45 Uhr im Ersten, direkt nach der letzten Folge der Serie.

Tags: doknews

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