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Kinotipp: „Walter Kaufmann – Welch ein Leben!“

Als einen Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts kann man Walter Kaufmann bezeichnen, dessen Leben mit zahlreichen Ereignissen und politischen Umbrüchen verwoben ist. „Walter Kaufmann – Welch ein Leben!“ widmet sich der Lebensgeschichte des Schriftstellers.

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Die beiden erfahrenen Dokumentarfilmer Karin Kaper und Dirk Szuszies haben Walter Kaufmann mit ihrem Film ein Denkmal gesetzt. Gerade rechtzeitig, denn im April 2021 starb ihr Protagonist mit 97 Jahren. Aufgewachsen ist er im Berliner Scheunenviertel, das damals ein Armenviertel polnischer Juden war. Seine alleinerziehende Mutter gab ihn mit drei Jahren zur Adoption frei. So kam er in die jüdische Rechtsanwaltsfamilie Kaufmann in Duisburg.

Mit dem Kindertransport nach England

„Aus dem Lumpenkind wurde ein Kind der Bourgeoisie“ kommentierte Kaufmann selbst diese Veränderung. „Und aus dem Bourgeoiskind wurde ein Wanderer durch die Welt.“ Das fasst sein Leben sehr gut zusammen. Im Gymnasium wird er plötzlich mit „Rassenkunde“ konfrontiert und mit Ausgrenzung. In der Progromnacht wird das Haus seiner Familie zerstört. Seine neuen Eltern schicken ihn mit einem Kindertransport nach England. Sie selbst kommen in Auschwitz um.

Kaufmann zieht es um die ganze Welt

Bei Ausbruch des Krieges wird er interniert und nach Australien verfrachtet und landet dort in der Armee. Er sammelt berufliche Erfahrungen als Hochzeitsfotograf, Seemann, Journalist und später erfolgreicher Schriftsteller. Mitte der 1950er Jahre zieht er um in die DDR, genießt aber mit seinem australischen Pass die Reisefreiheit und lebte in verschiedenen Ländern.

Er berichtet über die Olympiade 1956 in Melbourne ebenso wie über Tokio und Hiroshima. Die heftigen Proteste japanischer Bauern gegen einen Flughafenausbau sind ein Thema, aber auch die schwarze Protestbewegung in den USA und ihre Ikone Angela Davis oder die Revolutionseuphorie in Kuba. Seine Bücher erreichten in der DDR hohe Auflagen von über 100.000 Stück und Kaufmann wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Von 1985 bis 1993 stand er als Generalsekretär dem PEN-Zentrum der DDR und erwehrte sich gegen Anwerbungsversuche der Stasi.

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Historische und aktuelle Aufnahmen zeichnen sein Leben nach

Walter Kaufmann lässt sein Leben noch einmal Revue passieren und erzählt es in einem ruhigen Fluss, der auch den Rhythmus des Films bestimmt. Unterlegt sind seine Erinnerungen mit viel historischem Material, was eine unglaubliche Recherchearbeit gewesen sein muss. Karin Kaper und Dirk Szuszies kontrastieren die Historie mit aktuellen Aufnahmen von den Lebensstationen von Kaufmann und den vielen Mahnmalen, die an den Holocaust erinnern.

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Eigentlich wollten sie mit Kaufmann seine Lebensstationen auf der Welt noch einmal besuchen. Aber die Finanzierung der unabhängigen Produktion zog sich über zehn Jahre. Da konnte er nicht mehr reisen. Hinzu kam die Pandemie, die auch dem Team das Reisen erschwerte. Die beiden drehten selbst in Deutschland, Auschwitz und Theresienstadt. Für die Aufnahmen in Israel, Japan, Kuba, Australien und den USA mussten sie sich auf Kameramänner und -frauen vor Ort verlassen.

Kaufmann spricht im Film selbst über seine Erfahrungen

Die Stärke des Films ist Walter Kaufmann selbst, der sprachlich oft poetische Bilder wählt. „Es waren sehr, sehr viele Häfen, in denen die Schiffe angelegt haben, auf denen ich gefahren bin.“ Der Untergang der DDR bedeutete für ihn eine Zäsur und er kritisiert, dass alles Positive der DDR ignoriert wurde. Er war sich dabei aber auch seiner Privilegierung bewusst: „Man kann ein Land nur lieben, das man auch verlassen kann“. Seine letzten Jahre und die Zunahme rechtsradikaler Aktivitäten elektrisierte ihn noch einmal.

Seit dem 30. September 2021 sind Karin Kaper und Dirk Szuszies mit ihrem sehenswerten Film „Walter Kaufmann – Welch ein Leben!“, den sie im Eigenverleih herausbringen, auf Kinotour. Diese macht inklusive Filmgespräch unter anderem Station in Stuttgart (24.10.2021, 14:30 Uhr, Atelier am Bollwerk), Rottenburg (25.10.2021, 20:00 Uhr, Kino im Waldhorn) und Berlin (31.10.2021, 11:00 Uhr, Bundesplatz Kino).


(Kay Hoffmann)

Tags: doknews

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