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„Die Rastatter Prozesse“: Judith Voelker im Interview

Das Doku-Drama „Die Rastatter Prozesse – Kriegsverbrecher vor Gericht“ beleuchtet ein bisher kaum bekanntes Stück südwestdeutscher Nachkriegsgeschichte: die Verfahren gegen NS-Verbrecher in der französischen Besatzungszone. Auf Arte am 4.5.21 um 20.15 Uhr.

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Gerichtsverhandlungen im Rastatter Barockschloss

Im März vor 75 Jahren tagte das Tribunal Général der französischen Militärverwaltung zum ersten Mal. Schauplatz der Verfahren war der prunkvolle Ahnensaal im Rastatter Barockschloss. Von 1946 bis 1949 fanden in der badischen Kleinstadt insgesamt 235 Kriegsverbrecher-Prozesse statt.

Die Verantwortlichen aus Konzentrations- und NS-Arbeitslagern, die in französischer Besatzungszone lagen, wurden dabei zur Rechenschaft gezogen. Dazu zählten unter anderem die Lager in Vaihingen, Ravensbrück oder Niederbühl, aber auch diejenigen in Natzweiler-Struthof im Elsass oder der Neuen Bremm an der saarländisch-lothringischen Grenze. Hunderte Haftstrafen wurden verhängt und 105 Todesurteile ausgesprochen, wovon 62 vollstreckt wurden. Insgesamt sollte der Internationale Gerichtshof der französischen Militärverwaltung bis 1954 in Rastatt tagen.

Die Prozessakten – ursprünglich bis 2052 unter Verschluss

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Originalfoto von Hauptankläger Joseph Granier. 

Zum ersten Mal widmet sich ein hochkarätiges filmisches Projekt den NS-Prozessen von Rastatt. Den Anstoß gab Produzent Jörg Kunkel, der im Rastatter Schloss bereits den Prozess gegen den NS-Industriellen Hermann Röchling in Szene gesetzt hatte. Die Koproduktionszusagen von SWR und ARTE kamen schnell, die Förderung der MFG ebenso. Dass Regisseurin Judith Voelker Zugang zu den in Paris archivierten Prozessakten und Gerichtsprotokollen bekam, versprach Exklusivität. Denn eigentlich sollte das gesamte Material bis 2052 unter Verschluss bleiben. Nachdem die 100-jährige Sperrfrist vorzeitig aufgehoben wurde, können sich Wissenschaftler:innen mit der Aufarbeitung der Kriegsverbrecherprozesse in der französischen Besatzungszone befassen.

Das Tribunal Général in Rastatt – Im Schatten der Nürnberger Prozesse?

Die Arbeit und Aufarbeitung des Tribunal Général ist der breiten Öffentlichkeit bis heute wenig bekannt. Dennoch gelten die Rastatter Prozesse als eine der wichtigsten Nachfolgeprozesse von Nürnberg. Vor allem standen dort die Taten der vielen „kleineren“ Offiziere, Kommandanten und Lagerbeschäftigten während des Zweiten Weltkriegs im Fokus. Vermutlich ist dies auch der Grund für die geringe mediale Begleitung der Prozesse. Das deutsche Zeitungs- und Rundfunkecho blieb erstaunlicherweise fast lokal beziehungsweise regional begrenzt. Hinzu kommt, dass die Vielzahl an Beweismaterial, gesammelt durch das französische Militärgericht, in Colmar und Paris unter Verschluss kam.

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Helga Kloninger (S. Brucker) u. Joseph Granier (H. Heutmann).  Theo Kemper (B. Janssen) auf der Suche nach Antworten. 

Umsetzung des Doku-Dramas „Die Rastatter Prozesse“

Ausgehend von den Gerichtsprotokollen, inszeniert Judith Voelker in ihrem Doku-Drama das Geschehen im Gerichtssaal. Den Erzählstrang spannt sie um drei Hauptfiguren: Der französische Hauptankläger Joseph Granier steht dabei der deutschen Pflichtverteidigerin Helga Kloninger gegenüber. Und ein damaliger Zeitungsreporter, Theo Kemper, wird in Voelkers Film Radiojournalist beim frühen Südwestfunk. Er nimmt mit seiner Figur die Perspektive der deutschen Öffentlichkeit ein. Die nachgespielten Szenen am Originalschauplatz im Rastatter Schloss bedienen sich größtenteils Originalzitaten aus den Prozessakten und machen das Geschehen im Gerichtssaal nachspürbar. Expert:innen, Auszüge aus Archivmaterial sowie Zeitzeug:innen ergänzen den Plot.

Interview mit Judith Voelker über „Die Rastatter Prozesse“

Ausstrahlung „Die Rastatter Prozesse – Kriegsverbrecher vor Gericht“

Das Doku-Drama „Die Rastatter Prozesse – Kriegsverbrecher vor Gericht“ läuft am 04.05.21 um 20:15 Uhr auf Arte. Bis zum 01.08.2021 ist es in der Arte-Mediathek verfügbar.
Die ARD strahlt am 17.5.2021 um 23:35 Uhr eine 45-minütige Fassung aus. Danach ist sie für 90 Tage in der ARD Mediathek abrufbar.


(Annika Weißhaar)

Tags: doknews

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