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goEast Festival 2021: „Nochmal online und ich kündige!“

Corona und kein Ende. Auch beim goEast Festival des mittel- und osteuropäischen Films kann man ein Lied davon singen. Nach dem Jubiläum 2020 in der „Extended Edition“ (acht Monate hybrid anstatt eine Woche normal) verlangt auch 2021 nach einem guten Plan B. Und C.

Auch 2021 wollen Heleen Gerritsen und ihre Mannschaft Corona trotzen. Sie haben ein weitgefasstes, oftmals überraschendes Programm auf die Beine gestellt. Und das, obwohl die Festivalleiterin des goEast lachend mit Blick auf die letztjährige Tour de Force einräumt: „Ich dachte: Wenn wir wieder online gehen, kündige ich!“

goEast Festival 2021 findet online statt

Dass sie ihre Drohung noch einmal überdacht hat, ist auch ihren engagierten Mitarbeiter:innen zu verdanken, wie sie in der Pressekonferenz am 16. April 2021 betont. „Ich freue mich sehr darüber, dass das Festivalteam nicht den Kopf in den Sand gesteckt hat und stattdessen Wege gefunden hat, trotzdem noch Publikumsveranstaltungen anzubieten, selbst wenn es sich dabei auf Treffen mit Abstand vor dem Ost-Kiosk beschränkt.“ Der kleine grüne K67 steht vor dem Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden und soll zünftig ausschenken. Nastrovje! Das Autokino wurde indes behördlich untersagt.

Das etwas andere Programm beim goEast

Wer den passenden Soundtrack zum Drink sucht, ist mit HERE WE MOVE, HERE WE GROOVE gut beraten. In der Deutschlandpremiere widmet sich Sergej Kresos Dokumentarfilm den Balkanbeats von Robert Šoko. Der DJ zeigt sich nach gut drei Dekaden im Musikbiz zunächst „partymüde“ – erst das Suchen und Finden des „neuen Sounds Europas“ sorgt für frischen Wind im Kopf und auf den Dancefloors.

 

Überhaupt sind nahezu alle zuvor in Präsenz geplanten 92 Filme aus 38 Ländern – darunter 32 Deutschlandpremieren und zwei Weltpremieren – online auf Abruf verfügbar. Darunter finden sich beispielsweise die beliebt-berüchtigten „Anarcho Shorts“ mit „allem, was in diesem dramatischen, aber gleichzeitig stinklangweiligen Pandemiejahr nicht erlaubt war“, der dadaistischer Experimentalfilm BAROKK FEMINA von Péter Lichter, der auch eine Masterclass hält, oder die von Berlinale-Gewinner Radu Jude kuratierte „Anti-Oscar-Nacht“.

„Anti-Oscar-Nacht“ von Radu Jude

Der rumänische Regisseur und ehemalige goEast-Porträtgast präsentiert fünf osteuropäische Filme, die seiner Meinung nach die höchste Auszeichnung der Filmbranche verdient hätten, aber es mit ziemlicher Sicherheit nie auf die Short List der Academy geschafft hätten. Mit dabei sind der essayistisch-dokumentarischen Film AUSTERLITZ und die Archivmontage dokumentarischer Aufnahmen vom Schiff „Königin Elisabeth“ in THE DANUBE EXODUS

 

Politische Filme mit klarer Haltung

Ebenfalls charakteristisch für das goEast Filmfestival ist der politische Einschlag. „Wir merken, dass das in den letzten Jahren vermehrt auf Kritik stößt, aber die Situation beispielsweise in Belarus, Russland, der Region Bergkarabach oder der Ukraine erfordern unserer Meinung nach eine klare politische Haltung“, so Gerritsen. Die Deutschlandpremiere von HOW I BECAME A PARTISAN ist unter diesem Aspekt zu nennen. Der Dokumentarfilm zeigt, wie sich Vera Lacková, die Urenkelin eines Roma-Partisanen, auf Spurensuche begibt. Die Filmemacherin möchte darauf aufmerksam machen, dass auch Angehörige der vielerorts ausgegrenzten Roma-Minderheit gegen die Schreckensherrschaft der Deutschen gekämpft hatten.

Auch der Dokumentarfilm LANDSCHAFTEN DES WIDERSTANDS (OT: PEJZAŽI OTPORA) blickt zurück auf das Leben einer Widerstandskämpferin: Die mittlerweile verstorbene serbischen Partisanen-Kämpferin Sonja machte sich ebenfalls gegen den Faschismus stark.

Ebenfalls sehenswert dürfte die Deutschlandpremiere von GORBAČOVS. PARADĪZE (GORBATSCHOW. PARADIES) sein, für die Dokumentarfilmer Vitaly Mansky den 89-jährigen ehemaligen Staatsmann besucht und im mittlerweile sehr einsamen Alltag begleitet hat. „Persönlich, humoristisch und reflektiert tauchen die beiden Männer in die politische Vergangenheit der Sowjetunion ein und resümieren darüber, wie Gorbachevs Entscheidungen ihre beiden Leben betroffen haben“, verspricht die Ankündigung.

Neue Formen des Dokumentarischen beim Open Frame Award

Beim Open Frame Award für Virtual Reality ist Dokumentarisches in einer experimentellen, oftmals interaktiven Form zu entdecken, so die 360° Dokumentarfilme HOREKU. THE STORIES OF TUHARD TUNDRA über das Leben einer Nomadenfamilie im äußersten Norden oder #PRISONERSVOICE, das die Erlebnisse von drei ukrainischen Anti-Russland-Aktivisten mit der VR-Software Quill zum Leben erweckt.

Dokumentarfilme im Wettbewerb des goEast Festivals 2021

Im Wettbewerb konkurrieren 16 Spiel- und Dokumentarfilme um die Hauptpreise des Festivals. Zur Jury gehört unter anderem Thomas Heise, der 2019 für „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis und dem Caligari-Preis ausgezeichnet wurde.

Diese Dokumentarfilme gehen ins Rennen um die mit 10.000 Euro dotierte „Goldene Lilie“:

AKO SOM SA STALA PARTIZÁNKOU (WIE ICH PARTISANIN WURDE)
Vera Lacková
Slowakische Republik, Tschechische Republik 2021 / 89 Min

TATĂL NOSTRU (VATER UNSER)
Andrei Dăscălescu
Rumänien 2020 / 85 Min

O JEDNOJ MLADOSTI (ES WAR EINMAL DIE JUGEND)
Ivan Ramljak
Kroatien 2020 / 78 Min

PLEASE HOLD THE LINE (BITTE WARTEN)
Pavel Cuzuioc
Österreich 2020 / 86 Min

PEJZAŽI OTPORA (LANDSCHAFTEN DES WIDERSTANDS)
Marta Popivoda
Serbien, Deutschland, Frankreich 2021 / 95 Min

Preise & Zugang zum goEast 2021 online

Das Filmangebot auf goEast On Demand ist gegen eine Online-Leihgebühr von 6,50 Euro pro Programmpunkt (oder Online-Dauerkarte für 60 €) im Festivalzeitraum vom 20. bis 26. April 2021 erhältlich. Nach der Ausleihe steht ein Film für 48 Stunden über den VoD-Anbieter filmwerte zum Abruf zur Verfügung – allerdings nur in Deutschland.

(Elisa Reznicek)

Tags: doknews

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