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„Vertreibung ins Paradies“: Interview mit Annekatrin Hendel

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Annekatrin Hendels aktueller Dokumentarfilm startet am 03.03.21 in der ARD-Mediathek und feiert am 17.03.21 seine Fernsehpremiere im rbb. Vor den beiden Starts war Astrid Beyer mit der Filmemacherin im Gespräch über ihr Familienportrait im Corona-Lockdown.

DV 2019 AnnekatrinHendel c GüntherAhner

Was tun, um die Laune im Lockdown zu heben? Annekatrin Hendel beschließt vor einem Jahr das neue, plötzlich entstandene Leben als „Patchwork-Truppe“ filmisch festzuhalten. In ihrem Dokumentarfilm „Vertreibung ins Paradies“ gewährt sie intime Einblicke und zeigt den Zuschauenden ungeschönt, wie sich ihre Familie im Corona-Lockdown-Alltag neu arrangiert. Astrid Beyer vom Haus des Dokumentarfilms spricht mit Annekatrin Hendel über ihren aktuellen Film: 

Astrid Beyer: Der Film wurde in Schwarz-Weiß gedreht. Hat Corona die Farbe aus deinem Leben vertrieben?

Annekatrin Hendel: Eine lustige Frage. Aus dem Leben lasse ich mir die Farbe nicht vertreiben. Im Gegenteil. Aber aus dem Film? Wenn der das Wort „Paradies“ im Titel hat, wenn es um ein angemessenes Verhältnis zwischen Natürlichkeit und Form, Nähe und Abstand, Anspannung und Spannung, schamlos sprießenden Knospen und Klaustrophobie geht, wenn die Aufnahmen mit einem Telefon im eigenen, winzigen Mikrokosmos gemacht werden, liegt es irgendwie nahe, in Cinemascope und Schwarz-Weiß zu drehen.

In „Vertreibung ins Paradies“ sagt dein Sohn Bosse zu dir, dass Filmen für dich Eskapismus sei. Welchen Stellenwert hatte das Filmen für dich in dieser Situation des ersten Lockdowns?

Die schlecht gelaunteste Person in unserer Konstellation war ich. Dass die anderen zugelassen haben, dass ich zu Hause drehe, geschah wohl in der Hoffnung, dass sich meine Stimmung dadurch etwas hebt. Und das hat auch funktioniert. Mit dem Drehen ließ das Gefühl der Überforderung durch Unterforderung etwas nach. Und ja, das war ein bisschen wie Flucht.

Wie war es, das Material mit Abstand dann im Schnitt zu sehen? Was war dir wichtig zu zeigen, was wolltest du nicht offenbaren?

Die Zeit im Schneideraum mit Editor Jörg Hauschild war die Rettung. Denn Abstand ist das Geringste, was ich zu den handelnden Personen habe. Vielleicht sind wir deshalb an den Schnitt wie an einen Spielfilm gegangen. Beim Auswählen und Montieren der Szenen ging es nicht darum, etwas Wichtiges zu zeigen oder irgendetwas nicht zu zeigen. Die radikale Aufgeschlossenheit der kleinen Truppe beim Drehen, dass die Bude nie aufgeräumt, die Haare nicht extra frisiert waren, dass die Nebensächlichkeiten und die eigenen Abgründe nicht ausgeblendet sind, machen den Charme aus. Der Film ist eine persönliche Momentaufnahme und versucht offen zu beschreiben was ist. Dazu gehören die Widersprüche zwischen uns ebenso wie die immer näher rückende Tier- und Pflanzenwelt.

War die Zeit des Lockdowns auch eine Zeit, um sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen?

Der Film erzählt den historischen Moment des ersten harten Lockdowns im Frühjahr 2020, wie er sich so oder auch anders überall auf der Welt zugetragen hat. Und er erzählt ein persönliches Stück Leben jedes Einzelnen unserer Patchwork-Familie. Jeder bringt die eigene Herkunft und ja, die eigene Vergangenheit mit an den hermetisch abgeriegelten Ort – ob wir uns damit beschäftigen und auseinandersetzen wollen oder nicht.

Wie fühlt sich deine Patchwork-Familie mit diesem Film?

Ich kann nicht für die anderen sprechen, ich kann nur beschreiben, dass die Zeit produktiv war. Niemand hat sich versteckt, alle haben ganz organisch und bis zum Schluss am Film mitgewirkt: mein Freund mit seiner Kamera, meine Söhne haben dem Film das Layout verpasst. Eine ganz besondere Entdeckung und eine unerschöpfliche Quelle für unsere Filmmusik ist MATILDA mit ihrer Band ‚Van Damme 38‘. Und weil der Film erst mal als Experiment gestartet ist, hat es wohl alle einigermaßen überrascht, dass er nun plötzlich existiert. Mich selbst eingeschlossen.

Herzlichen Glückwunsch zu diesem besonderen Film und vielen Dank für das Gespräch!

 


Vertreibung ins Paradies, Dokumentarfilm, Deutschland 2021, 82 Minuten, Regie: Annekatrin Hendel. 
Eine Gemeinschaftsproduktion des rbb und des hr mit IT WORKS! Medien GmbH

ab 3.3.2021 in der ARD-Mediathek, Fernsehpremiere ein Jahr nach Beginn des ersten deutschen Lockdowns am 17.3.2021 um 23 Uhr im rbb

>> zur Preview der Fernsehpremiere „Vertreibung ins Paradies“

Tags: doknews

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