EUROPÄISCHER DOKUMENTARFILMPREIS 2026 FÜR DR. RUTH BECKERMANN
Haus des Dokumentarfilms und Film- und Medienstiftung NRW ehren das Lebenswerk der österreichischen Regisseurin Ruth Beckermann
Das Haus des Dokumentarfilms – Europäisches Medienforum Stuttgart e.V. und die Film- und Medienstiftung NRW vergeben den 2026 gemeinsam ins Leben gerufenen EUROPÄISCHEN DOKUMENTARFILMPREIS an die österreichische Filmemacherin und Autorin Dr. Ruth Beckermann. Die Auszeichnung für das Lebenswerk ist mit 15.000 Euro dotiert und wird am 18.06.2026 im Rahmen des Branchentreffs DOKVILLE (Stuttgart) erstmals verliehen.
In der Begründung der Jury heißt es u. a., alle Filme von Ruth Beckermann zeichne eine filmdramaturgische und filmästhetische Offenheit aus, die jeder Voreingenommenheit widerspreche und scheinbar als schlüssig plakatierten Bildern jeweils fragende Bilder entgegenstelle. In dieser Haltung zeige sich das analytische Herz der Regisseurin. Sie lasse Widersprüche zu, lade in kluger Gelassenheit das Publikum zu filmischen Reisen, zum Suchen und Denken ein. Ruth Beckermann riskiere Beobachtungen, die den Atempausen des Alltags entnommen seien, auch dem vergangenen, nämlich zu Geschichte gewordenen Alltag.
Ruth Beckermann wurde 1952 in Wien geboren. Sie studierte Publizistik und Kunstgeschichte in Wien und Tel Aviv und an der New Yorker School of Visual Arts Fotografie. Seit 1977 produziert sie Dokumentarfilme. Zu ihren bekanntesten und vielfach ausgezeichneten Werken gehören „Die papierene Brücke“, „Jenseits des Krieges“, „American Passages“, „Those Who Go, Those Who Stay“, „Mutzenbacher“ und „Waldheims Walzer“ (2018), der eine Oscar-Nominierung bekam. Ihre beiden jüngsten Dokumentarfilme sind „Favoriten“ (2024) und „Wax & Gold“ (2026), beide jeweils auf der Berlinale uraufgeführt. Mit „Die Geträumten“ produzierte Ruth Beckermann 2016 einen ebenfalls prämierten Spielfilm.
In der Jury des neugeschaffenen EUROPÄISCHEN DOKUMENTARFILMPREISES votierten Nathalie Wappler (Medienmanagerin), Bettina Reitz (Film- und Medienmanagerin), Ulrike Becker (Journalistin), Hella Wenders (Regisseurin), Walid Nakschbandi (Geschäftsführer Film- und Medienstiftung NRW) und Eric Friedler (Geschäftsführer Haus des Dokumentarfilms). Den Juryvorsitz hatte Wim Wenders, der den Preis an Ruth Beckermann am 18. Juni 2026 im Stuttgarter Hospitalhof übergeben wird. Für die Teilnahme ist eine Akkreditierung beim Branchentreff DOKVILLE erforderlich.
DIE JURY
In der Jury des neugeschaffenen EUROPÄISCHEN DOKUMENTARFILMPREISES votierten Nathalie Wappler (Medienmanagerin), Bettina Reitz (Film- und Medienmanagerin), Ulrike Becker (Journalistin), Hella Wenders (Regisseurin), Walid Nakschbandi (Geschäftsführer Film- und Medienstiftung NRW) und Eric Friedler (Geschäftsführer Haus des Dokumentarfilms). Den Juryvorsitz hatte Wim Wenders.
LAUDATIO FÜR DR. RUTH BECKERMANN
Wie nah ist das Dokumentarische an der Realität? Wie authentisch ist gefilmte Realität? Das sind grundsätzliche Fragen, die sich jede Dokumentarfilmregisseurin und jeder Regisseur immer wieder stellen. Denen sie sich stellen müssen. Unausweichlich.
Sie, liebe Ruth Beckermann, haben einmal über das Machen von Dokumentarfilmen gesagt, es sei „weniger ein Irren als vielmehr ein Flanieren im Labyrinth“. Es sei ein Prozess des „Suchens nach Fragen mehr noch als nach Antworten“. Und hat man diese Fragen für sich (und damit auch für andere als Angebot) gefunden, dann muss ein Dokumentarfilm, um mit Georg Stefan Troller, einem Geistesverwandten von Ihnen, zu sprechen, den Kniff und den Mut finden, nicht nur zu „erfassen“, sondern zu „erfahren“, eben eine Ahnung der unerschöpflichen Vielfalt, die sich hinter jeder Realität verbirgt, zu vermitteln versuchen. Er, so Troller, erwarte „ein Erlebnis. Und das beruht nicht auf Zahlen oder auf Fakten, sondern auf der Kraft der Bilder.“ Die „Kraft der Bilder“ – was für ein treffendes Motto, das ohne Wenn und Aber über all Ihren Dokumentarfilmen stehen kann.
Denn Ihre Filme spielen nicht in einem wirklichkeitsfremden Irgendwo, sondern immer in einer geschichtsgesättigten Gegenwart, die derzeit mehr und mehr in erschreckendem Maße einer Geschichtsvergessenheit anheimfällt, einer fahrlässig und mutwillig herbeigeredeten, einer eingeredeten, einer als Wahrheit beleumundeten und so auch geglaubten Geschichtsvergessenheit. In Ihren Filmen erzählen Sie von Geschichte. Genauer: Sie erzählen filmend und filmisch Geschichte; von deutschen Verbrechen, von der Shoah, von rechthaberischer Selbstentschuldung, von Antisemitismus, von der Schändung der Demokratie. Klammern sich mit Ihren Filmen, so könnte man sagen, an die unsicheren Haken der Erinnerung.
Stellvertretend seien aus ihrem reichen Oeuvre genannt die Trilogie über jüdisches Leben – „Wien retour“, „Die papierene Brücke“ und „Nach Jerusalem“, dann „Waldheims Walzer“ über Kurt Waldheims verleugnete NS-Vergangenheit und einem austriakischen Opfermythos, auch „Jenseits des Krieges“, in dem sie – ausgehend von der in Wien gezeigten und vom Hamburger Institut für Sozialforschung kuratierten Ausstellung über Wehrmachtsverbrechen – Fragen nach Wissen und Nicht-Wissen, nach Täterschaft, nach Eingestehen und Verschweigen stellen. Sie stellen filmisch dem gegenwärtigen Amerika in „American Passages“ nach, gestehen ihre Ratlosigkeit über den Zustand Europas ein in „Those Who Go Those Who Stay“, in dem sie skizzenhaft Themen wie Flucht und Migration in lose Knoten schlingen. Sie beobachten in „Favoriten“ drei Jahre lang in Wien migrantische Kinder in ihrer Volksschule und widmen sich jüngst in „Wax and Gold“ der ambivalent verfitzten Vergangenheit und Gegenwart Äthiopiens. Und selbst in „Mutzenbacher“, ihrer Annäherung an einen pornografischen Skandalroman, urteilen, gar verurteilen sie nicht, sondern lassen über die Lektüre von Romanpassagen männliche Distanzierungs- und Rechtfertigungsstrategien aufleben, visualisieren unaufdringlich eine dringliche Reflexion über Moral und Missbrauch.
Alle ihre Filme zeichnet eine – auch filmdramaturgische und filmästhetische – Offenheit aus, die jeder Voreingenommenheit widerspricht, jedem scheinbar längst als schlüssig plakatiertem Bild ein fragendes Bild entgegenstellt. In dieser Haltung zeigt sich ihr analytisches Herz. Sie lassen Widersprüche zu, laden in kluger Gelassenheit ihr Publikum ein, teilzuhaben an filmischen Reisen, am Suchen und Denken. Sie riskieren Beobachtungen, die den Atempausen des Alltags entnommen sind, auch eines vergangenen, zu Geschichte gewordenen Alltags. Gestalten so – auf unverwechselbar eigene und eigensinnige Weise – ein Panorama en miniature eines aufgewühlten Zeitalters. Die Absichtlichkeit eines artistischen Experiments ist das, was Ihre Filme dabei auszeichnet.
Deshalb – und voller Überzeugung und dank der „Kraft ihrer Bilder“ – verleiht Ihnen die Jury unseren neugeschaffenen Europäischen Dokumentarfilmpreis. Wir gratulieren ganz herzlich!
DANKESREDE DR. RUTH BECKERMANN
Stuttgart, 18/6/26