Leben mit ADHS: SICK GIRLS Premiere bei DOK Leipzig 2023

Am 9. Oktober 2023 feierte Gitti Grüters Dokumentarfilm SICK GIRLS Weltpremiere bei DOK Leipzig. Die starken und sehr unterschiedlichen Charaktere haben eines gemeinsam: Sie leben mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Worum geht’s in SICK GIRLS?

Das englische Wort „sick“ bedeutet „krank“ – aber umgangssprachlich auch „krass“, „geil“ oder „cool“. Diese Ambivalenz ist auch bei den „Sick Girls“ aus Gitti Grüters gleichnamigen Dokumentarfilm zu spüren. Sie sind sich bewusst, dass sie anders ticken als die meisten „normalen“ Menschen, aber machen sich ihre besonderen Eigenschaften z. B. in kreativen Projekten auch zu Nutzen. 

ADHS beginnt im frühesten Kindesalter. Die Symptome sind vielseitig und teil unspezifisch, darunter Konzentrationsschwierigkeiten, mangelnde Impulskontrolle, emotionale Instabilität, Ungeduld und/oder überdrehtes Verhalten. Gleichzeitig verfügen ADHS-Betroffene oft über eine ausgeprägte Kreativität, unkonventionelle Denkmuster und eine große Begeisterungsfähigkeit (auch das stellt SICK GIRLS gut heraus). 

Leben mit ADHS

Die Erkrankung wird aus verschiedenen Gründen gerade bei weiblich gelesenen Personen oft spät oder gar nicht diagnostiziert. Bei ihnen sind die Symptome oft weniger offensichtlich, da sie stärker maskiert (d. h. durch erlernte gesellschaftskonforme Verhaltensweisen „getarnt“) werden und Mädchen/Frauen darüber hinaus oft nicht dem klassischen Stereotyp des „Zappelphilipp“ entsprechen. Ein Erzählstrang in SICK GIRLS ist die Begleitung von Gitti Grüters auf dem herausfordernden Weg zu einer gesicherten Diagnose im Erwachsenenalter. 

https://www.youtube.com/watch?v=2QV0VruiiCM

Credits: SICK GIRLS Buch & Regie: Gitti Grüter. Kamera: Lenn Lamster. Montage: Dan Gatzmaga. Ton: Simon Ferber. Eine Produktion von Kurhaus Production mit ZDF – Das Kleine Fernsehspiel (Redaktion: Sara Günter) und Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Deutschland, 2023. 

Darüber hinaus macht Gitti Grüters, im Master Regie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, dem neurotypischen Publikum zumindest ansatzweise erfahrbar, was es heißt, mit ADHS zu leben. Eingefangen wird, neben einer sehr offenen Gesprächsrunde der fünf Protagonist:innen sowie Szenen aus deren Alltag, auch die Reizüberflutung, der neurodiverse Personen mit ADHS ausgesetzt sind. Gefilmt wird beispielsweise mit wackeliger Handkamera auf einem Rummel. Hier stürmen so viele Sinneseindrücke wie Farben und Geräusche ungefiltert und parallel auf die Person mit der Kamera ein, dass man schon vom kurzen Zuschauen Schwindelgefühle und Kopfschmerzen bekommen kann.

Plakat SICK GIRLS (Credit: Kurhaus Production)

Warum sollte man sich SICK GIRLS anschauen?

Soziale Netzwerke wie Tik Tok haben das Bewusstsein für Neurodiversität in den vergangenen Jahren gerade unter jüngeren Menschen geschärft. Andererseits hat diese Aufmerksamkeit dazu geführt, dass Diagnosen wie ADHS oder Autismus – gerade, wenn sie erst im Erwachsenalter gestellt werden – mitunter als „Trend“ oder „Modediagnosen“ belächelt werden. Betroffene sind aber oft einem großen Leidensdruck sowie Ableismus ausgesetzt, was SICK GIRLS ebenfalls thematisiert. So erfahren die Zuschauer:innen beispielsweise von Herausforderungen in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Berufsleben, in der medizinischen Betreuung und generell im gesellschaftlichen Umgang mit ihnen.

SICK GIRLS ist im Rennen um die Goldene Taube bei DOK Leipzig

Der Dokumentarfilm SICK GIRLS sorgt dafür, dass Betroffene gesehen und vielleicht etwas besser verstanden werden. Er ist am 10. Oktober 2023 ganztags im DOK Stream online abrufbar und läuft bis zum Festivalende am 15. Oktober 2023 noch mehrfach auf der großen Leinwand. SICK GIRLS tritt im Deutschen Wettbewerb Dokumentarfilm an und ist darüber hinaus nominiert für den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts, den Gedanken-Aufschluss-Preis, den DEFA Förderpreis und den VER.DI Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness.

TV-Erstausstrahlung

Die TV-Erstausstrahlung von SICK GIRLS ist am 5. Februar 2024, 23:55 Uhr, im ZDF (online first in der ZDF-Mediathek ab 2.2.24).