So war die DOK Premiere von DANIEL RICHTER

Pepe Danquarts Dokumentarfilm über den zeitgenössischen Maler begeisterte in Stuttgart und Ludwigsburg. Zwei Mal nahezu ausverkauft – ein neuer Besucherrekord für die DOK Premiere. Durch das anschließende Filmgespräch führte Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms.

DOK Premiere Daniel Richter Caligari LB
DOK Premiere Daniel Richter Pepe Danquart
Zwei Mal volles Haus bei der DOK Premiere, veranstaltet vom Haus des Dokumentarfilms

„Wenn du willst, dass das, was du machst, diskutierbar und überprüfbar bleibt, dann ist es gut auch einen Film zu haben. Denn die eine Sache ist über etwas zu lesen, die andere jemanden sprechen zu hören. Genauso ist es ein Bild abgebildet zu sehen oder in einem Raum zu erfahren“, erklärt Daniel Richter zu Beginn von Pepe Danquarts Künstlerporträt. Wichtig sei ihm, dass so ein Film nicht nur ein Spiegel der eigenen Eitelkeit sei. „Gut gemacht entsteht etwas, das sich nicht nur um mich dreht, sondern darum, was eine bestimmte Art von Kunst kann, was sie bedeutet und auf welchen Ebenen sie stattfindet.“

Oscar-Preisträger trifft Star der zeitgenössischen Kunst

DOK Premiere Daniel Richter CaligariDaniel Richter gilt als einer der wichtigsten deutschen Maler seiner Generation. Über Jahrzehnte hat er in Werken wie „Das Recht“ und „Horde“ immer wieder politisch und zeitkritisch Position bezogen. So auch im Bild „Tarifa“, das seine Haltung für einen menschenwürdigen Umgang mit Geflüchteten ausdrückt. Zuletzt präsentierte er seine Gemälde-Serien „Furor I“ in Paris und „Furor II“ in Los Angeles.

Oscar-Preisträger Pepe Danquart hat Daniel Richter, der im vergangenen Dezember seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, drei Jahre lang mit der Kamera begleitet. „Meine Grundidee war den Prozess von der leeren Leinwand bis zur fertigen Ausstellung zu zeigen – und zwar mit allen Schritten, die dafür notwendig sind. Das Malen, Abfotografieren, Transportieren, Hängen“, erklärt der Regisseur seinen Ansatz: „Es sollte kein Porträt im klassischen Sinn nach dem Motto ‚Wo komme ich her, wo gehe ich hin?‘ werden. Ich wollte einen Film über Malerei machen, der sich auf Daniel Richter und seine Malerfreunde konzentriert.“

Jonathan Meese: „Das zu tun, was man liebt, ist heutzutage skandalös.“

Kay Hoffmann und Pepe Danquart DOK Premiere CaligariZu Wort kommen starke Künstler-Charaktere wie Jonathan Meese, den Richter schon während des Studiums bei Professor Werner Büttner an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) kennen und schätzen lernte, und der Däne Tal R, mit dem Richter und Meese u. a. die Gemeinschaftsausstellung „Bavid Dowie“ (Stade, 2018) verbindet. Zur illustren Runde gesellen sich darüber hinaus u. a. der Sammler Harald Falckenberg, befreundete Galerist:innen wie Jorg Grimm und Hella Pohl sowie Eva Meyer-Hermann. Im Mai 2023 wird sie die knapp 500-seitige Werkschau „Daniel Richter. Bilder von früh bis heute“ im Hatje Cantz Verlag herausgeben.

Nah dran am stärksten

Am eindringlichsten in Pepe Danquarts Dokumentarfilm sind aber weder diese großen Namen noch die internationalen Ausstellungen in New York und Paris. Auch die beachtlichen Auktionen bei Christie’s oder Van Ham, bei denen Richters Bilder schon mal für eine gute Million Euro versteigert werden (pro Stück, wohlgemerkt), sind letztlich nur ein Randaspekt. Drängende Fragen wie „Welchen Einfluss hat der sekundäre Kunstmarkt auf Kunstschaffende, die Rezeption ihrer Werke und die generelle Preisentwicklung?“, „Wie ‚authentisch′ links kann ein Maler sein, der so gut im Geschäft ist wie Daniel Richter?“ oder „Was passiert, wenn gesellschaftlich und historisch relevante Bilder bei finanzstarken Sammlern im stillen Kämmerlein landen und nicht in öffentlich zugänglichen Museen?“ werden bei Pepe Danquart lediglich angerissen.

https://youtu.be/58z0KJykal0

Es sind die vielen intimen Szenen in Richters Atelier, die Danquarts filmische Annäherungen an ihn maßgeblich prägen und die seine Stärke sind. Der Regisseur ist hier derart dicht dran am Künstler, dass man mitunter meint, den nächsten Pinselstrich ausführen und die Farbe riechen zu können. „Er hat mir komplett vertraut und ich ihm. Damit war eine sehr schöne Drehzeit verbunden“, freut sich der Filmemacher.

Dreh mit kleinem Besteck im Cinemascope-Format

Kay Hoffmann und Pepe Danquart DOK Premiere Caligari„Ich bin sehr sensibel vorgegangen. Ich war meist nur mit einem Kameramann vor Ort, selten auch mit zweien. Wir haben mit Weitwinkel gedreht, das Mikrofon wurde ihm auf die Haut geklebt, wir haben kein Licht gesetzt. Wenn man genau hinsieht, merkt man gegen Ende des Films, wie er anfängt, unser kleines Team für selbstverständlich zu nehmen“, so Pepe Danquart beim Filmgespräch mit Kay Hoffman (HDF). „Es war manchmal wie ein Tanz, wie er mit der Kamera umgeht. Oft hat er sie aber auch einfach vergessen. Mein Kameramann und ich waren für ihn gegen Ende wie zwei Tuben Farbe, die noch zusätzlich da waren.“

Gedreht wurde im Cinemascope-Format – dem „Antiformat zur Malerei“, wie der Regisseur betont. „Es gibt keine Malereiformate, die so breit sind. Ich wollte dadurch von Beginn an klarmachen, dass ich nicht demütig dem Meister zugucke, wie er Kunst schafft, sondern eben auch den Anspruch habe, filmische Kunst zu schaffen. So konnten wir uns auf Augenhöhe begegnen.“ Das Drehverhältnis lag bei ungefähr 1:40. „Natürlich hätte ich auch einen anderen Film machen können. Wahrscheinlich hätte sogar jeder andere Regisseur andere Schwerpunkte gesetzt“, sagt Danquart, der sich eine kleine Spitze nicht verkneifen kann. „Es gibt ja auch viele schlechte Filme über Kunst“, meint er augenzwinkernd. Ein Glück, dass er einen guten gedreht habe.

Im Rhythmus der Kunst

Zu sehen ist Richter, wie er mit viel körperlichem Einsatz an seinen oft mannshohen Bildern arbeitet – oftmals sogar an mehreren Werken parallel. „Wenn er malt, dann malt er. Dann kommt er manchmal tagelang nicht raus“, so Danquart. Gesellschaft leisten ihm nur seine beiden Papageien (die heimlichen Stars des Films) und seine Schallplatten und CDs. „Er malt immer mit Musik. Alle Songs, die an einer Stelle im Film laufen, liefen in dem Moment. Ich habe nie etwas hin- und hergeschoben. Daniel hat den Soundtrack selbst gestaltet, ohne dass er es wusste“, erzählt Danquart bei der DOK Premiere. „Was ich zunächst aber nicht bedacht habe, ist, dass mich diese Musik extrem viel Geld kosten würde. Ich musste ja alle Rechte kaufen.“ Vier Personen waren allein mit der Rechteklärung der Tracks beschäftigt.

DOK Premiere Daniel Richter Bollwerk Stuttgart
DOK Premiere Daniel Richter Caligari
Pepe Danquart (2. v. l.) mit den Kinobetreibern Simon u. Peter Erasmus sowie Kurator Kay Hoffmann (linkes Bild). In Ludwigsburg schaute Filmproduzent Jochen Laube vorbei.

Wie gefällt’s?

DOK premiere Daniel Richter Caligari LB Kinofilme AuslageDaniel Richter hat den Film erstmals beim Colour Grading gesehen – gemeinsam mit einem seiner besten Freunde. „Er war extrem aufgeregt. ‚Wie soll ich mich nur selbst beurteilen? Ich kann mich nicht einschätzen. Ich sehe nur, dass ich ein Hohlkreuz mache und meine Haare nicht gekämmt sind!‘ [lacht] Als der Freund sagte: ‚Das ist ein fantastischer Film!‘, hat er auf sein Urteil vertraut und war zufrieden. Den fertigen Film hat er erst bei der Hamburger Premiere vor vierzehn Tagen zum zweiten Mal gesehen.“ Die Resonanz war im hohen Norden durch die Bank positiv – genau wie bei unseren DOK Premieren im Atelier am Bollwerk Stuttgart (7.2.23) und Caligari Kino Ludwigsburg (8.2.23). Angeregte Film- und Kunstgespräche sowie viel Applaus inklusive.

Tipp: Pepe Danquarts Dokumentarfilm „Daniel Richter“ (B14 Film in Koproduktion mit Gretchenfilm Filmproduktion in Zusammenarbeit mit rbb/ARTE; Verleih: Weltkino Filmverleih) läuft in ausgewählten Kinos. Ein Ausstrahlungstermin im Fernsehen steht noch nicht fest. Ab 6. Mai 2023 gibt es eine Werkschau in der Kunsthalle Tübingen, im direkten zeitlichen Umfeld erscheint Eva Meyer-Hermanns „Daniel Richter. Bilder von früh bis heute“ im Hatje Cantz Verlag.

Die DOK Premiere ist eine vom Haus des Dokumentarfilms kuratierte Filmreihe. Sie präsentiert einmal im Monat in Ludwigsburg und Stuttgart aktuelle Kinostarts von Dokumentarfilmen. Die jeweiligen Regisseur:innen sind für Werkstattgespräche mit dem Publikum vor Ort. Kuratoren sind Goggo Gensch (Stuttgart) und Kay Hoffmann (Ludwigsburg). Bei DANIEL RICHTER führe Kay Hoffmann an beiden Standorten die Filmgespräche mit Pepe Danquart.