Nicht einmal seine Angst kann ihn stoppen. Ai Weiwei, Chinas aktivster und bekanntester Künstler, führt ein gefährliches Leben, denn die chinesischen Behörden sind ihm ständig auf den Fersen. Seit Juni 2011 steht Ai Weiwei unter Hausarrest. Dabei fordert er in seinen Aktionen, in seiner Kunst und auf Twitter nichts, was in der westlichen Welt als unrecht erscheint. "Ai Weiwei - Never Sorry" ist ein spannendes Porträt über einen Künstler, der für demokratische Werte wie Transparenz und Redefreiheit kämpft.
Seit 14. Juni 2012 im Kino
"Mach dir keine Sorgen!", versucht Ai Weiwei seine besorgte Mutter zu beschwichtigen. Warum muss er für freiheitliche Werte im Land kämpfen, kann das nicht jemand anderes tun? Hat er denn keine Angst? - solche Fragen kommen im Laufe des Films immer wieder auf, z.B. wenn Ai Weiwei im Clinch mit den Behörden steht. "Wenn man nichts dagegen tut, wird die Gefahr wachsen", davon ist Weiwei überzeugt.
Mit seinen Aktionen möchte er demokratische Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit in seiner Heimat verwirklichen. Videokunst mit Aussagen wie "Fuck you, Motherland", Fotografien, auf denen er symbolischen Orten, wie dem Platz des himmlischen Friedens, plakativ dem Mittelfinger entgegen hält - dafür ist der Künstler weltweit bekannt. Diese Werke sind jedoch nur ein kleiner Bruchteil seines Kunstschaffens. Im Film, so wie auch in seinem Leben, existieren keine Verschnaufpausen: "Never retreat, retweet" - "Gib nicht nach, sondern Twitter weiter" - solche Aphorismen kommuniziert der Künstler auf der Onlineplattform. Ununterbrochen informiert er die Netz-Gemeinde über das, was ihm geschieht und was er denkt. "Nichts ist zu persönlich", meint er im Gespräch mit einem Journalisten der New York-Times.
Einer der von Ai Weiwei eingestellten Kunst-Assistenten formuliert dies folgendermaßen: "Es gibt nichts, das einen mehr inspiriert als die eigene Umgebung." Diese Aussage könnte das Motto des Films sein. Sein Leben und Wirken sind untrennbar mit der Geschichte und Politik Chinas verbunden. Ai Weiwei agiert nicht, sondern reagiert auf die Behörden. Als ihn die Polizei in Sezchuan festhält, verletzt ihn einer der Beamten schwer am Kopf. Um eine gerechte Behandlung zu erhalten, reicht er - schlau wie er ist - gleich in mehreren Polizeistationen Klage ein. "Sorry, so sorry" lautet die Entschuldigung, die er zu hören bekommt. Statt Zensur fordert Ai Weiwei Transparenz. Er tut es den chinesischen Behörden gleich und dokumentiert sein Handeln mit der Kamera. Bereits über zehn Dokumentarfilme hat der Künstler selbst produziert. Regisseurin Alison Klayman verwendet Ausschnitte daraus in "Never Sorry".
Ihre Bekannschaft mit Ai Weiwei verdankt die junge Filmemacherin ihrer chinesischen Mitbewohnerin. Alison Klayman zog nach ihrem Collegeabschluss im Jahr 2006 nach Peking, um Mandarin zu lernen und in China als Journalistin zu arbeiten. Ihre Mitbewohnerin arbeitete mit dem Künstler zusammen und stellte sie einander vor. Daraufhin begann Klayman, den Künstler regelmäßig in seinem Atelier zu filmen und begleitete ihn schließlich auch auf Reisen. Innerhalb von drei Jahren, von 2008 bis 2011, sammelte sie 300 Stunden Material an. Ermöglicht wurde ihre Arbeit durch die finanzielle Hilfe des Sundance Filminstituts, durch Spenden und mittels Crowdfunding.
Eine der bewegendsten Aufnahmen Ai Weiweis zeigt Ai Weiweis Einsatz für die Opfer des Erdbebens von Sichuan im Jahr 2008. Während die Regierung noch immer über genaue Zahlen der Opfer schweigt, machte es sich der Künstler zur Aufgabe, die Namen der Kinder zu dokumentieren, die durch die Katastrophe ums Leben kamen. Mit der Unterstützung von freiwilligen Helfern trägt er über 5300 Namen zusammen. Sein Engagement wird durch den Einsatz von Kameras und den konstanten Nachrichtenstrom, den er auf Twitter versendet, zum politischen Aktionismus.
Im Porträt gehe es "um eine Person, die sich gegen das System stellt", so erklärt die Filmemacherin in einem Interview mit dem Magazin The European. "Dazu braucht es Mut und Kreativität, doch sobald Druck ausgeübt wird, kann sich etwas bewegen", so Klayman.
Als Polizisten Ai Weiwei im Juni 2011 verschleppen hatte Klayman ihre Dreharbeiten bereits abgeschlossen. Sie lässt es nicht aus, den Vorfall zu thematisieren, sondern schließt die filmische Lücke mithilfe von animierten Twittermeldungen und Material aus internationalen Fernsehnachrichten. Diese innovative Art des filmischen Erzählens findet sich an mehreren Stellen im Film wieder.
Der Film klingt positiv aus, Ai Weiwei singt mit schräger Stimme ein Siegeslied. Direkt im Anschluss an die humorvolle Szene fordert die Filmemacherin in einer Schrifteinblendung: "Folgt Ai Wei Wei auf Twitter, um ihm bei seiner Mission zu unterstützen". Diese Aufforderung bricht mit den Regeln des beobachtenden Dokumentarfilms, Klayman macht sich zur Komplizin ihres Protagonisten.
Trotzdem: In Kombination mit der optimistischen Lebenshaltung des Protagonisten und der heiteren Hintergrundmusik erhält der Feature-Film eine bemerkenswerte Lebendigkeit und Vielseitigkeit. "Ai Weiwei: Never Sorry" ist ein Film, der trotz der ernsten Themenlagewie wie ein Feelgood-Movie daherkommt.
(Franziska Weigelt / Fotos: Verleih)
Ai Weiwei – Never Sorry
Dokumentarfilm, USA 2012, 91 Min., engl./chin. O.m.U.
Regie Alison Klayman
Mehr Infos unter: http://aiweiweineversorry.com/