Der Dokumentarfilmer Hans Beller und der legendäre Kameramann Justus Pankau unterhielten sich bei DOKVILLE 2010 über das dokumentarische Filmen früher und heute. An der Diskussion zum "Dokumentarisch Drehen" nahmen noch die Kameraleute Börres Weiffenbach, Gergor Theus und Lars Barthel teil. Wir haben auszugsweise einige Stellen aus diesem interessanten Gespräch dokumentiert. Wenn Sie möchten, können Sie am Ende des Textes das komplette Gespräch und die Diskussion mit weiteren Kameraleuten als MP3-Podcast im Original anhören.
Justus Pankau ist Mitbegründer der Stuttgarter Schule und erhält 1970 für „Malatesta“ den Bundesfilmpreis in Gold. In den Jahren von 1972 bis 2001 fotografiert Pankau, neben seiner Lehrtätigkeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und der Hochschule für Film- und Fernsehen München, eine Vielzahl von Spielfilmen und Dokumentationen, unter anderem den mit dem Grimme Preis ausgezeichneten Dokumentarfilm „Die Borussen kommen“ (1964). Er ist Mitbegründer der Filmakademie Baden-Württemberg, an der er von 1991-1999 im Studienfach Kamera unterrichtet.
Hans Beller ist seit über 30 Jahren als Regisseur und Autor von dokumentarischen Filmen bekannt. Derzeit hat er eine Professur an der Filmakademie Baden-Württemberg.
Hans Beller: Justus, Du bist jemand der von der Pike auf, von der Wochenschau, gekommen ist. Ich habe Dich erlebt, als jemanden, der nicht lange braucht, der keinen großen Aufwand macht. Du warst sehr engagiert - man sprach von einer entfesselten Kamera. Von Dir gibt es aber auch ein Stichwort, in dem Du selbst über Dich sagst, dass Du bei der Reportage mit einer zurückhaltenden Kamera arbeitest. Was hat sich für Dich am meisten verändert?
Justus Pankau: Die Menschen, die beim Dokumentarfilm mitmachen oder zufällig dabei sind, kann ich nicht dazu veranlassen, irgend etwas zu machen. Wir mussten uns jetzt im Moment entscheiden. Wir mussten aus der Hand drehen, ohne zu wackeln. Wir durften nie über 1:6 drehen. Und wir haben nie diese Draufhaltefilme gedreht, wie ich sie immer nenne. Ich habe etwa 60 Dokumentarfilme gemacht, aber ein Exposé kannten wir gar nicht. Warum soll man etwas schriftlich festlegen, von dem man gar nicht weiß, ob es passiert. Wir hatten die Idee von etwas, was wir machen wollten. Und dann sind wir losgegangen - und das durften wir damals noch.
Du warst eine tragende Säule in der Stuttgarter Schule, die den fernsehjournalistischen und dokumentarischen Film voran getrieben hat. Hast aber als Allrounder auch Spielfilme gemacht. Wann gab es Zäsuren, wann änderte sich die Herangehensweise?
Für uns fing mit Wildenhahn der Niedergang des Dokumentarfilms an
Jetzt hast du ein Tabu gebrochen. Er ist ja einer der Hausheiligen im direct cinema. Ihr wolltet euch absetzen von einer ganz bestimmten Kulturfilmtradition - und da müsste euch Wildenhahn näher gewesen sein als manch anderer.
Damals in der Anfangszeit durfte man noch zugeben, dass man vom Bild nichts versteht. Dem Kamermann wurden ganz andere Aufgaben übertragen und es wurde ihm eine ganz andere Freiheit gelassen. Dadurch gestaltete sich eine stark optisch geprägte Berichterstattung. Ob es Magzinbeiträge waren, Kurzfilme oder Dokumentarfilme - es ging immer um die Frage, kann man daraus einen Film machen, gibt es dazu Bilder? Die "redenden Köpfe", die Kopfduelle, das kam später. Und das war eigentlich der Bruch, wo ich dann auch manche Dinge nicht mehr gemacht habe. Diese Draufhaltefilme, nie ausschalten dürfen, mit laufender Kamera aus dem Auto aussteigen, die Treppe hoch gehen, in die Garderobe und dann zuschauen, wie Leute die Wäsche wechseln und etwas dabei sagen - das sind keine Dokumentarfilme mehr, das sind Aufzeichnungen. Man dokumentiert etwas, aber Filmsprache und Filmästhetik kann ich nicht darstellen, wenn ich die Kamera zehn Minuten laufen lasse. Dann habe ich gar nichts.
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Original-Diskussion bei DOKVILLE 2010
Hans Beller im Gespräch mit Justus Pankau (mp3, 8,4 Mb) - Auszug des Panels "Dokumentarisch Drehen".
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