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    TV-Tipps

TV-Tipp 6./7.12.: Selten war einer so nah an einem Hells Angel dran

Die Hells Angels haben in der Öffentlichkeit und den Medien das Image einer kriminellen Vereinigung, die mit Gewalt, Drogenhandel und Prostitution in Verbindung gebracht wird. Umso verblüffter war Regisseur Marcel Wehn, als er während seines Studiums an der Filmakademie Baden-Württemberg in der Zeitung über ein spannendes Fotoprojekt las zur Judendeportationen in Stuttgart während der NS-Zeit las. Der Fotograf war Lutz Schellhorn. Er ist zugleich Präsident der Hells Angels in Stuttgart. Diese Ambivalenz interessierte den Regisseur. Deshalb wollte er einen Dokumentarfilm über Schellhorn drehen. Der sorgte 2015, als er in die Kinos kam, für Furore. Der Hessische Rundfunk zeigt »Ein Hells Angel - Unter Brüdern« in der Nacht zum Freitag.

Szene aus »Ein Hells Angel - Unter Brüdern« © Marcel Wehn / SWR

Szene aus »Ein Hells Angel – Unter Brüdern« © Marcel Wehn

HR, 6./7.12.18, 0 Uhr: Ein Hells Angel - Unter Brüdern

Das war kein leichter Weg. Die Hells Angels sind ein verschworener Männerbund mit eigenen Regeln. Es bedürfte viel Überzeugungsarbeit, dass sie als Gruppe dem Filmprojekt zustimmten. Dann gab es Einsprüche von den Hells Angels in den USA. Das Klima veränderte sich. Zum Teil wurden Charter – so werden die einzelnen Clubs genannt – in einigen Städten verboten und ein »Kuttenverbot« erlassen. Sie dürften in ihren Lederjacken nicht mehr öffentlich auftreten. Von daher zogen sich die Dreharbeiten über fünf Jahre hin.

Wie der Titel verspricht, geht es vor allem um einen Hells Angel: Lutz Schellhorn. Er ist charismatischer Chef des Stuttgarter Motorradclubs. Er bemüht sich um ein anderes Image der Hells Angels. Als Fotograf hat er ein Buch veröffentlicht mit Fotos aus der Szene. In Stuttgart hat er dafür gesorgt, dass die Gruppe nach Angaben der Polizei und Justiz in den vergangenen Jahrzehnten nicht auffällig war. Marcel Wehn, der zuvor Wim Wenders porträtiert hatte, ist es gelungen, einen neugierigen Blick hinter die Kulissen zu liefern. Kamerafrau Eva Katharina Bühler hat dafür große Bilder geschaffen von den gemeinsamen Ausfahrten und dem Leben im Club.

Natürlich hat sich über die Jahre ein enges Verhältnis zwischen Wehn und Schellhorn entwickelt. Eine solche Nähe und ein Vertrauen zu den Protagonisten ist für jeden Dokumentarfilm wichtig, will er nicht nur an der Oberfläche kratzen. Es geht im Film auch um ihre Träume von Freiheit und Unangepasstheit. Sie werden gezeigt als Motorradfreaks, die in die Jahre gekommen sind und erwachsene Kinder haben. Wehn zeigt sie als Menschen. Dies wird dem Film von der Presse vorgeworfen. Einige sind ihrem Schwarz-Weiß-Denken so verhaftet, dass Hells Angels nur als Böse gezeigt werden dürfen.

Dabei liefert Marcel Wehn keinesfalls einen unkritischen Imagefilm, wie ein anderer Vorwurf lautet. Bestimmte Problempunkte wie Drogenhandel, Vergewaltigung oder der Tod eines Polizisten werden im Film angesprochen. Hier bezieht Wehn Position und zeigt Haltung. Und es zeigt sich, dass Schellhorn dem Ehrenwort eines Clubmitglieds eher glaubt, als Beweisen oder Gerichtsentscheiden. Diese Vorfälle gab es nicht in seinem Charter in Stuttgart, sondern in anderen Städten. Aber die Aussagen von Schellhorn und Nachfragen von Marcel Wehn zeigen, dass er doch ein eigenes Weltbild hat, das es nach außen zu verteidigen gilt. Dies ist erklärbar, da die Hells Angels auch schon oft mit falschen Anschuldigungen überschüttet wurden. Andere Aspekte wie die strenge Hierarchie und das langjährige Aufnahmeverfahren oder Aktivitäten am Rande der Legalität bleiben außen vor, auch weil sie hinlänglich bekannt sind.

Dem Film vorzuwerfen, er arbeite nicht journalistisch investigativ, ist lächerlich, denn dies ist nur eine mögliche Herangehensweise an die Wirklichkeit. Viel wichtiger ist es doch, sich selbst ein Bild machen zu können zwischen Mythos, Wahrheit und Vorurteil.

(Kay Hoffmann)