»Sympathisanten.
Unser deutscher Herbst«

Unsere DOK Premiere im Juni 2018

Nach seinem Film »Verbotene Filme« über die NS-Propagandafilme, die bis heute nur unter Vorbehalt gezeigt werden dürfen und den Felix Moeller 2014 in der Reihe DOK Premiere vorgestellt, war er nun zum zweiten Mal in Ludwigsburg. Sein aktueller Dokumentarfilm »Sympathisanten. Unser Deutscher Herbst« stieß auf großes Interesse beim Publikum – trotz der großen Hitze. Es ist eine sehr persönliche Annäherung an die Zeit des Terrorismus in der Bundesrepublik der 1970er Jahre. Sein Stiefvater Volker Schlöndorff und seine Mutter Margarete von Trotta gehörten mit Heinrich Böll und anderen zu den Intellektuellen, die von der Politik und den Medien namentlich als Sympathisanten gebrandmarkt wurden. Diesen Begriff gab es vorher gar nicht in dieser negativen Bedeutung. Er lässt sich auch schwer eindeutig definieren, wann jemand zum Sympathisant der RAF-Terroristen wurde.

Szene aus »Sympathisanten – Unser deutscher Herbst« © Blueprint Film GmbH / NFP

Szene aus »Sympathisanten – Unser deutscher Herbst« © Blueprint Film GmbH / NFP

Als roter Faden dienen Tagebuch Aufzeichnungen von seiner Mutter. Einige dieser Tagebücher wollte sie eigentlich an das Deutsche Historische Museum abgegeben, was Felix Moeller verhindert hat, als er entdeckte, welches historische Potential diese Aufzeichnungen haben. Für ihn ist es ein Fundstück an politisch-gesellschaftlicher Reflexion über das Geschehen damals. Moeller ist promovierter Historiker und arbeitet als Autor, Regisseur und Produzent. Er hat sich als Rechercheur und Berater zahlreicher historischer Produktionen und als Regisseur von Porträts von Prominenten wie den Verhoevens, Hildegard Knef oder Veit Harlan einen Namen gemacht. Beim Filmfestival in Cannes lief dieses Jahr ein Dokumentarfilm über Ingmar Bergmann, den er zusammen mit seiner Mutter gedreht hat und der im Sommer in den Kinos starten wird. Er hat zahlreiche Bücher zur Geschichte und Filmgeschichte veröffentlicht. Moeller ist Gründungsmitglied von »Moving History – Festival des historischen Films Potsdam«, das vergangenen Herbst seine Premiere hatte und wo er ein ‚Work in Progress‘ seines Films »Sympathisanten« vorstellte.

Nachdem er schon sehr lange mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, wollte er bewusst ein anderes Thema behandeln. Als Glücksfall erwies sich dabei, dass die Familie selbst verstrickt war in das Thema und bereit war, offen darüber zu sprechen. Wenn in den Medien gegen die Sympathisanten gehetzt wurde, hat er dies in der Schule durchaus selbst zu spüren bekommen. Ein einschneidendes Erlebnis war für ihn eine Razzia der italienischen Polizei in ihrem Ferienhaus in der Toskana. Für ihn selber war Helmut Schmidt ein Idol und er versuchte sogar seinen Haarschnitt zu imitieren. Die Begeisterung ging erst in den 1980er Jahren verloren mit dem Nachrüstungsbeschluss. Alle seine Zeitzeugen stammen aus dem persönlichen Bekanntenkreis mit Ausnahme des ehemaligen RAF-Mitglieds Karl-Heinz Dellwo. Vom Publikum wurde er gefragt, warum er nicht auch Vertreter der Gegenseite interviewt habe. Bis auf wenige Ausnahmen sind die wichtigen politischen Akteure von damals schon gestorben.

Durch Collagen mit historischem Filmmaterial gelingt es Moeller ausgezeichnet, die damalige Atmosphäre wiederzugeben. Unterlegt sind die Bilder mit der Musik von Marius Müller Westernhagen (z.B. »Grüß mir die Genossen«) und rockiger Musik, die für den Aufbruch der damaligen Zeit steht und den Protest gegen das verkrustete, reaktionäre System widergespiegelt. Margarete von Trotta spielte 1969 in Klaus Lemkes „Brandstifter“ die Studentin Anka, die nicht mehr daran glaubt, mit Worten allein die Welt verändern zu können. Sie plant aus Protest gegen den Vietnam-Krieg eine Bombe in einem Kölner Kaufhaus zu deponieren, um die Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung zu zwingen. Dies war schon eine frühe Auseinandersetzung mit der Gewaltfrage, die dann so wichtig wurde für den politischen Weg, den manche in den Terrorismus gegangen sind. Viele Spielfilme von Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff wie »Die verlorene Ehre der Katharina Blum«, »Das zweite Erwachen der Christa Klages«, »Deutschland im Herbst« oder »Die bleierne Zeit« haben sich mit dem Terrorismus und seinen Folgen auseinandergesetzt. Dies war ein Stück weit eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Verunglimpfung als Sympathisanten. René Böll vertritt im Film die Ansicht, dass die Hetzjagd der Medien gegen seinen Vater ihren Anteil hatte am frühen Tod von Heinrich Böll. In den Medien wurden vor allem einige wenige Personen als Sympathisanten namentlich verunglimpft und regelrecht als Feindbilder aufgebaut.

Letztlich offen bleibt die Frage, wie viele Menschen eine klammheimliche Freude verspürte für die Aktionen der RAF? Dieser Anteil mag größer gewesen sein, als man gemeinhin denkt. Zumindest bildete sich ein kritisches Potential gegenüber den Reaktionen des Staates. Ob dies nun die Haftbedingungen der Terroristen waren, die immer größere polizeiliche Kontrolle oder die Berufsverbote und Notstandsgesetze. Bei einer Umfrage sollen sich damals ein Viertel von Studierenden zu ihrer Sympathie bekannt haben. Auf der anderen Seite schreckten die vielen Opfer potentielle Sympathisanten auch ab. Man muss bedenken, dass die führenden RAF-Köpfe der ersten Generation schon im Juni 1972 verhaftet wurden und die weiteren Aktionen Versuche waren, sie aus dem Gefängnis heraus zu bekommen. Es begann eine Eskalation der Gewalt, die auch durch Überreaktionen des Staates angetrieben wurden.

Sympathisanten - Unser Deutscher Herbst
Dokumentarfilm, D 2014-2016, 101 Minuten
Buch und Regie: Felix Moeller
Produktion: Blueprint Film GmbH
Koproduktion: rbb und SWR
Kinoverleih: NFP Marketing & Distribution

(Kay Hoffmann)

Szene aus »Sympathisanten – Unser deutscher Herbst« © Blueprint Film GmbH / NFP

Szene aus »Sympathisanten – Unser deutscher Herbst« © Blueprint Film GmbH / NFP

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