Ankündigung Dokville 2018

»Pre-Crime«

Unsere DOK Premiere im Dezember 2017

Bei unserer DOK Premiere im Dezember 2017 zeigten wir den Dokumentarfilms »Pre-Crime« von Monika Hielscher und Matthias Heeder. Im Anschluss an die Vorführung entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Denn der Film ist sehr aktuell und wirft viele Fragen auf, wie wir mit der Digitalisierung und den vielen Daten umgehen, die im Netz über uns verfügbar sind.

»Pre-Crime« zeigt, wie die über uns gesammelten Daten zunehmend von der Polizei genutzt werden, um Verbrechensprofile anzulegen, um Täter zu verfolgen, aber auch, um präventiv zu arbeiten. Die ganzen Fernsehkrimis zeigen, dass die Auswertung der Handys inzwischen zum wichtigen Aspekt der Strafverfolgung geworden ist. In den USA sind dabei der Datenschutz und die Persönlichkeitssphäre kein Thema und es ist ein totalitäres System, das keinen Widerspruch duldet. In Europa und speziell Deutschland ist dies schon etwas anders, wie auch der Gewinner des Deutschen Dokumentarfilmpreises 2017 »Democracy – Im Rausch der Daten« von David Bernet zeigte. Darin ging es darum, auf europäischer Ebene den Schutz persönlicher Daten durchzusetzen – was letztlich erfolgreich war.

Doch auch bei uns arbeiten die Sicherheitskräfte an ähnlichen Systemen. Matthias Heeder hofft ein Stück weit auf die Qualitäten einer kritischen Zivilgesellschaft, will aber nicht ausschließen, dass im Fall eines wachsenden Terrorismus die heute noch vorhandenen Bedenken schnell ausgeräumt werden. Der Deutsche Herbst und die Rasterfahndung, um die RAF-Terroristen aufzuspüren, haben dies gezeigt. Auch deshalb wuchs in der Bevölkerung die Kritik an solchen Überwachungsmethoden und die Furcht vor der Volkszählung 1986. Diese kritische Position hat sich nivelliert und heute stellen viele freiwillig ihre persönlichen Daten ins Netz. Heeder weist allerdings auch darauf hin, dass das ‚Predictive Policing‘ und die Vorhersage von Verbrechen bisher nicht so effektiv sind, wie behauptet. In Deutschland werden entsprechende Programme beispielsweise für die Analyse und Vorhersage von Einbrüchen genutzt. Allerdings gibt es kaum Unterschiede zwischen den Stadtteilen, wo es eingesetzt wird mit Stadtteilen, wo es nicht eingesetzt wird.

Die größte Gefahr sieht er darin, dass bisher getrennte Daten wie persönliche Daten, Bank- und Kreditkarten Daten mit sozialen Netzwerken und Daten über das Kaufverhalten zusammengeführt und durch auf dem Markt angebotene Dateien ergänzt werden, deren Erfassung keiner kennt und durchschaut. Die Programme wären dort effektiv, wo Big Data nach einem vorhandenen Muster durchsucht werden könnten. Für Verbrechen sei diese Methode schwer anwendbar.

Sehr kritisch sieht er sogenannte Heat-Listen wie in Chicago, wo Täter und Opfer zusammen erfasst würden und dies nicht differenziert würde. Von den ursprünglich 400 Personen auf dieser Liste, seien inzwischen 80% tot. Dies kann man als Erfolg sehen, da ja vorher gesagt wurde, dass dieser Personenkreis gefährdet ist. Man kann es allerdings ebenso als Fehler des Programms sehen, dass es genau in den Bereichen angewandt wird, wo die Kriminalitätsrate sehr hoch ist und die Wahrscheinlichkeit, damit konfrontiert zu werden, ebenfalls. Die Polizei in Chicago sei für ihre rassistischen Übergriffe ebenso bekannt wie für ihre Rechtslastigkeit. Wenn jemand wie Robert McDaniel auf die Liste komme, da er ein Mordopfer gekannt habe und die Polizei ihn mehrmals besucht habe, ohne ihn zu verhaften, dann bedeutet dies für sein Umfeld, dass er mit der Polizei zusammenarbeite. Eine soziale Ausgrenzung sei die Folge. Dieser Versuch der Spaltung der Bevölkerung und Verunsicherung sei ein wichtiger Faktor einer solchen Polizeitaktik. Im Grunde gehe es darum, dass mit diesen Programmen viel Geld verdient und nur eine vermeintliche Sicherheit vorgegaukelt werde. Für die arme Bevölkerung sei es nicht möglich, sich gegen diese Programme und Listen zu wehren.

Der Stil des Films mit großartigen Aufnahmen der Metropolen und einer Grafik, die verdeutlicht, was es bedeutet ständig überwachst zu werden, orientiert sich an amerikanischen Serien. Mit drei Jahren Recherche und einem Budget von rund 500.000 € war es der bisher teuerste Film der beiden, die seit Ende der 1970er Jahre zusammenarbeiten und zahlreiche Kino- und TV-Dokumentarfilm realisiert haben. Als Gegenmodell zu den voll digitalisierten Metropolen sitzt Matthias Heeder am felsigen Strand von El Hierro, macht sich Gedanken über den Film und zeichnet die Struktur ganz analog in ein Buch. Aber trotz aller Abgeschiedenheit wird er dort lokalisiert. Ein Film, der zu denken gibt.

(Kay Hoffmann)