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70. Berlinale: »Speer goes to Hollywood«

Vanessa Lapa liefert mit ihrem neuen historischen Dokumentarfilm einen detaillierte Neuauflage eines bereits gescheiterten Filmprojekts. Er birgt damit Potential als Gewinnerfilm des Berlinale Dokumentarfilmpreises.

Nach Heinrich Himmler (»Der Anständige« 2014) stellt Vanessa Lapa nun Albert Speer ins Zentrum ihres neuen Dokumentarfilms. Im Nationalsozialismus war er enger Vertrauter Adolf Hitlers, sein Chefarchitekt und im Zweiten Weltkrieg ab 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition. In dieser Funktion war er verantwortlich für zwölf Millionen Zwangsarbeiter, darunter 450.000 KZ-Häftlinge.

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Im Nürnberger Prozess wurde er deshalb 1946 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. In der Haft in Spandau schrieb er seine Memoiren, bei der er seine Rolle im NS-Terrorsystem relativierte und sich als »guter Nazi« verkaufte. Seine Memoiren wurden ein Bestseller, der in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Aussagen aus Nürnberger Prozess widerlegen Speer

Deshalb planten die amerikanischen Paramount Pictures seine Erinnerungen zu verfilmen; Speer sollte am Drehbuch mitwirken. Der englische Drehbuchautor Andrew Birkin reiste mehrere Monate nach Heidelberg, um Speer zu interviewen und mit ihm das Buch zu entwickeln. Die Gespräche wurden mit Tonband aufgezeichnet. 

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Schlangestehen für den Film.

Letztlich wurde der Film nicht realisiert, auch weil die Gefahr bestand, dass Speer mit diesem Film versuchen würde, seine Vergangenheit und Verstrickungen ins NS-System reinzuwaschen. Das sah zumindest der vorgesehene Regisseur Carol Reed so. Vanessa Lapa wurde auf dies Projekt und das vorhandene Material vor fünf Jahren aufmerksam. Ihr sehr beeindruckender Kompilationsfilm arbeitet zeitlich auf drei Ebenen: die Gespräche 1971, das Leben von Speer im Nationalsozialismus und dem Nürnberger Prozess 1946. 

Sehr geschickt nutzt Lapa die Aussagen vor Gericht, um die beschönigenden Selbstdarstellungen von Speer zu widerlegen. So behauptet er im Interview 1971 von den Vernichtungen in den KZs erst 1944 erfahren zu haben. Dies ist schon deshalb unglaubwürdig, da er als Minister verantwortlich dafür war. In Nürnberg sagte ein Zeitzeuge aus, dass Speer schon im Frühjahr 1943 das KZ Mauthausen besucht habe. Mit diesen Entlarvungen gelingt es Lapa, den Mythos Speer zu dekonstruieren.

Geschichte darf nicht umgeschrieben werden

Im Gespräch nach der Vorführung ging sie noch einmal auf die intensive Recherche nach Filmmaterial ein, dass für dieses Projekt notwendig war, wobei sie natürlich auf ihre Recherchen zu Himmler zurückgreifen konnte. 

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Filmgespräch mit den Filmemacher*innen. Am Mikrofon: Vanessa Lapa. 

Ihr Sound Designer Tomer Eliav wies darauf hin, welche Herausforderungen es bedeutete, beispielsweise die Tonaufnahmen der Nürnberger Prozesses zu überarbeiten, da sie sich in einem schlechten Überlieferungszustand befunden hätten. Er nutzte verschiedene Quellen, um daraus die beste Tonspur zusammenzustellen. Bei zahlreichen stummen Aufnahmen musste er den Ton völlig neu schaffen, was ihm ausgezeichnet gelungen ist. Ihm ging es darum, mit der aufwändigen Tongestaltung die historischen Bilder lebendig zu machen. 

Björn Koll, Geschäftsführer von Salzgeber Medien, war Koproduzent des Projektes. Ihm gelang es leider nicht, deutsche Fördergelder dafür zu bekommen. Er erwähnte intensive Diskussion um Details des Films und seine Gestaltung.

Mit ihrem beeindruckenden Film will Vanessa Lapa auf die Gefahr hinweisen, dass Geschichte umgeschrieben werden könnte. Im Abspann wird Anna Leippe vom Haus des Dokumentarfilms für ihre Unterstützung gedankt. Der Termin für den Kinostart in Deutschland ist noch nicht bekannt. Für mich einer der aussichtsreichsten Filme für den Berlinale Dokpreis.

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»Expedition Content«

Das größte Ärgernis der diesjährigen Berlinale war für mich dagegen »Expedition Content« von Ernst Karel und Veronika Kusumararyati. Es geht um Tonaufnahmen einer ethnologischen Expedition von 1961. Diese Audiospur wird konsequent zu Schwarzbild vorgeführt. Sie ist jedoch auch nicht wirklich spannend. Nach einiger Minuten gibt es lange Texte, die die Hintergründe der Expedition erläutern. Dann geht es mit Schwarzbild weiter. Nach zwanzig Minuten habe ich das Hörspiel genervt verlassen.


(Kay Hoffmann)

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Tags: doknews, Berlinale 2020

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