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Ankündigung Dokville 2018

Wie »Auf der Jagd« das Bild von der Jagd neu zeichnet

Erneut bis auf den letzten Sitzplatz ausverkauft war die DOK Premiere von Alice Agneskirchners Dokumentarfilm »Auf der Jagd. Wem gehört die Natur?« im Ludwigsburger Kino Caligari. Der Film ist vor wenigen Tagen bundesweit in 128 Kinos gestartet. Im Filmgespräch mit Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms und mit dem Jäger Matthias Grünenwald wurde deutlich, dass das »Feindbild Jäger« so keine Berechtigung mehr hat. Der Film geht darüber hinaus der Frage nach, wie der Mensch die Natur nach seinem Geschmack formt – und welche Folgen das haben kann.

Für diesen Film musste Alice Agneskirchner richtig kämpfen. Nach einer langen Recherchephase war die Finanzierung von »Auf der Jagd« nicht ganz einfach. Das Thema Jagd politisiert noch immer – auch wenn seit Horst Sterns »Betrachtungen über den Rothirsch«, der 1971 als Generalangriff auf die deutschen Jäger gedeutet wurde, bald 50 Jahre vergangen sein werden. Umso mehr freut sich die in Berlin lebende Filmemacherin nun, dass ihr Film so gut ankommt und schon in der ersten Woche 17.000 Zuschauer hatte.

Was sie selbst überrascht hat, berichtete Agneskirchner beim DOK-Premiere-Filmgespräch, war, wie verplant, kontrolliert und reglementiert die Jagd in Deutschland ist. Denn eine ursprüngliche Natur gibt es kaum noch. Wenn es sie beispielsweise in den Nationalparks gibt, ist es trotzdem eine von Menschen gemachte Entscheidung. Ungefähr ein Drittel der Gesamtfläche sind Wälder, die jedoch zu 90 Prozent wirtschaftlich genutzt werden, ungefähr die Hälfte ist landwirtschaftlich genutzt, und der Rest sind Städte, Straßen und Gewässer.

Beim Filmgespräch im Anschluss an die Vorführung beantwortete neben der Regisseurin Alice Agneskircher auch Matthias Grünenwald, der stellvertretende Kreisjägermeister, kompetent die Fragen von Kay Hoffmann und dem Publikum. Die beiden Gäste ergänzten sich sehr gut in ihren Antworten aus verschiedener Perspektive. Die Jägervereinigung Ludwigsburg (www.kjv-lb.de) hat immerhin rund 500 Mitglieder, wobei sich die Jagd sehr unterscheidet von der Situation, wie sie im Film gezeigt wurde, wo es stark um Rotwild und Gämse im Alpenbereich geht. Allerdings sind die Vorgaben für Abschüsse und die Kontrolle über die Abschüsse z.B. von Schwarzwild, Wildschweinen und Hasen ebenso gegeben. Erfüllt man sie nicht, drohen auch hier Strafen bis zum Entzug des Reviers. In östlichen Bundesländern finden sich zum Teil schon keine Pächter, weil sie auch für Wildschäden haften müssen und die Wildschweine sich so vermehren, dass das Kostenrisiko sehr hoch ist. Die von den Jagdbehörden vorgegebenen Abschusszahlen für Gämsen stoßen im Film auf erheblichen Widerstand der Jäger, die von Raubbau sprechen. Schon der Begriff der Bewirtschaftung von Wildtieren zeigt ihre Widersprüchlichkeit. Solche Konflikte gibt es im Raum Ludwigsburg weniger.

Ganz aktuell ist natürlich das Thema Wolf, das auch im Film eine tragende Rolle spielt. Vor einigen Wochen hat ein Wolf im Nordschwarzwald über 40 Schafe getötet, nachdem es ihm gelang, auf ihre eingezäunte Weide zu kommen. Dass die Konflikte mit den Wölfen, die sich ein neues Revier suchen müssen, wachsen werden, ist ziemlich klar, da es in Deutschland kaum noch ungenutzte Flächen gibt. Die meisten Wölfe, die in den Südwesten kamen, scheiterten jedoch an der Autobahn und wurden überfahren. Matthias Grünenwald plädiert für eine sachliche Diskussion und möglichst viele Betroffene an einen Tisch zu holen, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Vor allem warnt er vor Panikmache, denn im Prinzip seien Wölfe sehr scheue Tiere. Deshalb wurden die atemberaubenden Aufnahmen von den Wölfen im Film auch mit solchen gemacht, die an Menschen gewöhnt waren. Alle anderen Tieraufnahmen wurden von dem darin erfahrenen Kameramann Owen Prümm gedreht, die übrigen Bilder von Johannes Imdahl.

Das erklärte Ziel von Alice Agneskirchner, die eine Zeit lang auch als Dozentin Dokumentarfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg unterrichtete, war es, ein filmisches Erlebnis zu schaffen. Dies zu verknüpfen mit interessanten Informationen zur Jagd, dem Wald und dem Verhältnis des Menschen zur Natur, macht ihre besondere Meisterschaft aus. Sie hat fast zwei Jahre an dem Film gedreht und monatelang geschnitten. Die Montage und der Musik sind existentiell wichtig für das Gelingen dieses Films.

Am Anfang, berichtet sie, war es schwierig, Jäger zu finden, die vor der Kamera sprechen wollten. Jägerinnen waren da zunächst auskunftsfreudiger. Denn es gibt in der Öffentlichkeit durchaus das »Feindbild Jäger«, von vielen wird ihr Tun kritisch gesehen. Agneskirchner betrachtet die Jäger differenzierter und arbeitet sehr genau heraus, wie wichtig sie für die Hege und Pflege sind. Sie würde gerne das Experiment wagen, das Jagen für ein Jahr einzustellen, damit die Bevölkerung sieht, welche wichtigen Aufgaben die Jäger übernehmen. Sie werden dafür nicht bezahlt, sondern müssen dafür zahlen. Agneskirchner findet das Töten bei der Jagd viel humaner als jedes Töten im Schlachthof. Deshalb gibt es auch einen Abschnitt im Film zur Massentierhaltung und mit dem Umgang mit Tieren in diesem Bereich. Ein Zuschauer fragte nach der Jagd mit Pfeil und Bogen. Sie ist in Deutschland aus Tierschutzgründen komplett verboten.

»Auf der Jagd« ist ein visuell beeindruckender Dokumentarfilm, der sich dem Thema vielfältig nähert und eine gute Grundlage liefert zur Diskussion über unseren Umgang mit der Natur in unserer durchorganisierten Gesellschaft.

(Kay Hoffmann)

 

Tags: DOK Premiere

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